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Die Geigerin Hilary Hahn über Zukunft und Kindheit als Musikerin : "Klassik wird weiter ihren Weg gehen"

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Vor ihrem Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Herbert Blomstedt am 26. Juni im Rahmen der Festspiele MV in Ulrichshusen hat Christoph Forsthoff mit Hilary Hahn gesprochen.

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erstellt am 20.Jun.2011 | 05:04 Uhr

"Schönes Kind, was bist du ernst!" denkt der Besucher unwillkürlich beim Anblick von Hilary Hahn auf dem Konzertpodium. Und auch im Gespräch vermag die US-Amerikanerin diese Ernsthaftigkeit kaum einmal abzulegen - fast scheint es, als sei die 31-Jährige, die zu den gefragtesten Geigern ihrer Generation zählt, das wandelnde Pflichtbewusstsein. Dass ihre Violine da ausgerechnet den Spitznamen "Die Kanone" trägt, mutet angesichts ihrer Beherrschtheit schon beinahe bizarr an - auch wenn das zarte Persönchen mit den sanften Katzenaugen und den Korkenzieherlocken sehr wohl von Entladungen ihrerseits zu erzählen weiß: "Meine Kamera habe ich vor Wut schon mal gegen die Wand geschmissen..." Vor ihrem Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Herbert Blomstedt am 26. Juni im Rahmen der Festspiele MV in Ulrichshusen hat Christoph Forsthoff mit Hilary Hahn gesprochen.

Sollen wir lieber die Rollen tauschen? Auf Ihrer Website finden sich mehrere Gespräche, in denen Sie Musikerkollegen interviewen?

Hilary Hahn (lacht): Natürlich möchte ich die Rollen nicht wirklich tauschen. Aber ich liebe es, Menschen zu befragen und hatte ursprünglich mal die Idee, regelmäßig solche Interviews auf meiner Website zu platzieren. Denn oft treffe ich im Laufe einer einzigen Woche so viele faszinierende Menschen, dass ich es als ein großes Glück empfinde, Zeit mit ihnen zu verbringen.

Gut, dann übernehme ich wieder die Fragen. In Deutschland wird gern die Krise der Klassik beschworen - erleben Sie das auch so?

Nein, das habe ich noch nie so gesehen. Es gibt heute mehr Konzerthäuser als vor 50 Jahren, mehr Konzertreihen und Orchester. Die Klassik wird weiter ihren Weg gehen, ganz gleich, welche Krisen auch noch auf uns zukommen.

Aber müsste die Klassik angesichts der Überalterung des Konzertpublikums sich nicht stärker um die jungen Menschen bemühen?

Natürlich können wir auf aufwändige Werbekampagnen setzen, die neues Publikum bringen und Klassik populärer machen. Doch am Nachhaltigsten erreiche ich neue Zuhörer über das Herz der Klassik: über ihre Vielfalt und Qualität. Bieten wir den Leuten nur immer wieder das Gleiche an, werden wir Zuhörer eher verlieren. Klassik, das ist vor allem die Chance zur Entdeckung - und der sollten wir uns nicht selbst berauben.

Dennoch zählt in unserer Zeit nicht allein der Inhalt, sondern auch die Verpackung - die Geigerin Vanessa Mae etwa, die einst für ein Coverfoto im feuchten Shirt aus dem Meer auftauchte, hat einige Jahre von dem transparenten Look profitiert. Gilt auch in der Klassik der Marketing-Satz "Sex sells"?

Das ist ganz einfach zu beantworten: Langfristig zählt allein die Qualität. Natürlich kann jeder verschiedene Seiten seiner Persönlichkeit offenbaren - und wenn jemand ein nasses T-Shirt tragen möchte oder ein anderer sich im Rollkragen wohlfühlt, warum nicht? Ein Problem wird`s nur, wenn jemand allein um des Verkaufserfolgs willen ein falsches Bild von sich vermittelt.

Mögen Sie die Foto-Shootings?

Welche Frau würde es nicht mögen, jede Menge Experten in Sachen Make-up, Frisur, Garderobe und Inszenierung um sich herum zu haben?! (lacht) Ja, ich genieße das schon. Andererseits betrachte ich jeden, der an solch einem Foto-Shooting beteiligt ist, als einen Künstler auf seinem Gebiet - und insofern ist solch ein Foto-Shooting auch ein gemeinsames Werk.

Fürchten Sie dabei nicht, dass Ihre Musik gelegentlich mehr mit den Augen als den Ohren "gehört" wird?

Ganz ehrlich, ich empfinde mich nicht mehr oder weniger hübsch als andere Menschen. Was kann ich dafür, dass ich nun mal eine Frau bin? Ich möchte meine Musik dem Publikum nahe bringen, möglichst viel von meinen Kollegen aufnehmen, um am Ende eine möglichst gute Künstlerin zu sein. Das ist einzig und allein mein Ziel als Musikerin.

Sie haben mit vier Jahren begonnen, Geige zu spielen, hatten mit sechs Ihren ersten Auftritt und mit 12 Ihr Debüt mit einem großen Orchester - haben Sie jemals darüber nachgesonnen, dadurch in Ihrer Kindheit anderes versäumt zu haben?

Ich habe nie irgendetwas vermisst. Im Gegenteil, mein früher Focus auf die Musik hat mich anderes viel mehr schätzen lassen, was ich in der Kindheit erlebt habe: Denn in solch jungen Jahren durch die Musik schon abstrakt und konkret denken zu lernen, das kann sehr bereichernd sein. So habe ich etwa auch Bücher geradezu verschlungen und mich bei jeder Gelegenheit der Kunst gewidmet. Als junge Musikerin habe ich so viel gewonnen, dass ich mit nichts anderem hätte tauschen wollen.

Schätzen Sie mehr das große Konzert oder eher das intime Duo?

Es motiviert sehr, mit einem großen Orchester zu arbeiten - so wie es umgekehrt auch sehr erfüllend ist, einen Konzertabend allein mit einer anderen Person vorzubereiten. Aus allen Formen der Zusammenarbeit lässt sich eine Menge lernen.

Hiliry Hahn und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Herbert Blomstedt am 26. Juni: Ulrichshusen/Festspielscheune, 16 Uhr, Karten (30-60 Euro): 0385/5918585

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