Kulturhaus Mestlin : Kindercafé und Trassengespenster

Bilder von Wilhelm Schmied, Erhard Großmann und Gottfried Richter in der Ausstellung „Schichtwechsel“ im Kulturhaus Mestlin Fotos: Hans-Dieter Hentschel
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Bilder von Wilhelm Schmied, Erhard Großmann und Gottfried Richter in der Ausstellung „Schichtwechsel“ im Kulturhaus Mestlin Fotos: Hans-Dieter Hentschel

Das Kulturhaus Mestlin zeigt unter dem Titel „Schichtwechsel“ offizielle DDR-Kunst aus vier Jahrzehnten, die sich vor allem der Arbeitswelt widmet

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31. Juli 2015, 12:00 Uhr

Ein alter Bekannter begrüßt die Besucher gleich zu Beginn der neuen Ausstellung im Kulturhaus Mestlin. Dieser Schweißer auf dem Gemälde von Hermann Bruse aus dem Jahr 1951 ist jedem DDR-Schüler früher oder später in irgendeinem Lehrbuch begegnet. Er oder einer seiner Kollegen, all die Maurer, Genossenschaftsbauern, Bergarbeiter und Stahlwerker, die in den Bildern zumindest der frühen ostdeutschen Kunst als realistische Musterbeispiele für den neuen Menschen herhalten mussten. Wie er von der Kulturpolitik gewünscht war. Ikonen des sozialistischen Aufbaus und nach der Zeit des Nationalsozialismus Hoffnungsträger eines neuen, friedlichen Lebens.

Viele dieser vordergründigen Bilder muten heute in ihrer agitatorischen Naivität geradezu rührend an. Etwa Hermann Hensels „Kinder-café in der Stalinallee“, auf dem ein asiatisches Mädchen gemeinsam mit einem afrikanischen Jungen und einem blonden Mädchen unter bunten Wimpeln am Tisch sitzt. Oder die Brigade Mittelholzer von Heinz Dubios, drei festen Blickes frontal aus dem Bild schauende Arbeiterdenkmäler.

Dass DDR-Kunst auch in der Widerspiegelung der Arbeitswelt nach und nach viel differenzierter wurde, wird in der kleinen Ausstellung „Schichtwechsel“ sichtbar, in der Kurator Herbert Schirmer 27 Gemälde, 27 Grafiken und vier Skulpturen aus den frühen 50er- bis zu den 80er-Jahren der DDR präsentiert. Als früherer Direktor des Beeskower Kunstarchivs, in dem Werke der Parteien und Massenorganisationen der DDR aufbewahrt und wissenschaftlich betreut werden, ist Schirmer einer der profundesten Kenner ostdeutscher Kunst. Auch die Mestliner Ausstellung beruht auf den Beeskower Beständen. Nach Jahrzehnten geordnet, wird der Besucher im Kulturhaus des einstigen sozialistischen Musterdorfes der DDR Zeuge der Wandlung einer Kunstlandschaft. Von der politischen Gängelung, die alle modernen Tendenzen als Formalismus anprangerte, über den berüchtigten „Bitterfelder Weg“, der Künstler in die Produktion und ins angeblich einzig wahre Leben schickte, und Erich Honeckers späterem De-kret von der „Weite und Vielfalt der Handschriften“ in den 70er-Jahren bis zum Auf- und Ausbruch im letzten Jahrzehnt der DDR, als zwischen Auftragskunst und totaler Verweigerung alles möglich war.

Wolfgang Lieberts großes Gemälde „Schichtwechsel an der Trasse“ (1987), das der Ausstellung ihren Titel gab, zeichnet ein geradezu gespenstisches Bild vom Schweißeralltag – ohne jeden Aufbauoptimismus. Die Fröhlichkeit in Rolf Schuberts „Jugendweihe“ (1978) ist eine grölende, trunkene, geradezu entfesselte. Traurig und blassen Gesichts sieht der Gefeierte den Betrachter an. Desillusioniert, ratlos, schweigend, ohne Bezug zum anderen, sind auch die Mitglieder der Schweriner PGH „Mefa“ (1987) von Thomas Ziegler.

Dass sie durch und durch subjektiv und ästhetisch auf der Höhe moderner Strömungen in der europäischen Kunst waren, belegen die Arbeiten im Grafiksaal dieser Ausstellung – von Bernhard Heisig über Willi Sitte, Fritz Cremer, Otto Sander, Max Uhlig und Michael Morgner bis zu Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Rolf Kuhrt und Arno Rink.

Apropos Kuhrt und Rink. Von beiden sind derzeit große Einzelausstellungen zu sehen – im Schloss Wiligrad von Rolf Kuhrt, von Arno Rink in der Rostocker Kunsthalle. Wie überhaupt die DDR-Kunst in diesem Jahr so präsent ist wie lange nicht. Das Kunstmuseum Ahrenshoop zeigt gerade die sehenswerte Ausstellung „Mit Tübke am Strand –Leipziger Maler in Ahrenshoop“. Auch das Staatliche Museum Schwerin widmet sich ab 20. November 2015 unter dem Titel „Außer Kontrolle! Farbige Grafik & Mail Art in der DDR“ einem Aspekt ostdeutscher Kunst. Liegt es nun am 25. Jubiläum des Mauerfalls oder an der Tatsache, dass ein geschlossenes Kapitel deutscher Kunstgeschichte inzwischen objektiver, nicht nostalgisch und weniger ideologisiert betrachtet werden kann? Jedenfalls war auch die Kunst in der DDR, wie die Mestliner Ausstellung belegt, weit mehr als Propaganda und Waffe im Klassenkampf.

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