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"Walter - eine Geschichte für sich" : Kempowskis Leben als Drama

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Das Bielefelder Theater bringt Kempowski auf die Bühne. Das Stück "Walter - Eine Geschichte für sich" hat Kindheit und Jugend des in Rostock geborenen und aufgewachsenen Kempowski zum Thema.

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erstellt am 12.Mär.2012 | 07:16 Uhr

Bielefeld | Vom Leben ins Archiv, von dort ins Buch: Walter Kempowski gilt als Archivar und Chronist deutscher Geschichte. Und Walter Kempowski wurde gerade deshalb unverdient lange von der Literaturkritik mit einem gewissen Naserümpfen betrachtet.

Das Bielefelder Theater bringt Kempowski nun auf die Bühne, aufbauend auf seinen Texten. Das Stück "Walter - Eine Geschichte für sich" hat Kindheit und Jugend des in Rostock geborenen und aufgewachsenen Kempowski zum Thema und umspannt die Zeit von 1939 bis 1956, erzählt von der Kindheit des Reedersohns über seine langjährige Haftzeit in Bautzen bis zum Lehramtsstudium in Göttingen.

Schon als Kind wusste er, was er später einmal werden wollte: Schulmeister, Schriftsteller, Archivar. All dies ist er auch geworden, in dieser Reihenfolge. Seinen größten Ruhm erwarb sich der vor fünf Jahren gestorbene Walter Kempowski aber als Schriftsteller. Der Autor Tom Peuckert hat die Texte des großen deutschen Chronisten, der ein Meister des Erinnerns und des Sammelns war, in eine Bühnenfassung gebracht, die am Sonntag in der Inszenierung von Dariusch Yazdkhasti im Theater Bielefeld Uraufführung feierte. Das Publikum spendete langanhaltenden Beifall.

Peuckert, 1962 in Leipzig geboren, gelingt es, den collagehaften, assoziativen Erzählstil Kempowskis zu dramatisieren und damit bühnentauglich zu machen. Er verdichtet die Ereignisse dreier Romane aus dem Gesamtwerk, die gleichzeitig auch die populärsten Bücher des Rostocker Autors sind: "Tadellöser & Wolff", "Uns geht’s ja noch gold" und "Ein Kapitel für sich" aus der neunteiligen "Deutschen Chronik" auf knapp 80 Minuten Bühnengeschehen. Dabei schafft es Peuckert, das Bild einer fünfköpfigen Familie in den Wirren des Zweiten Weltkrieges zu zeichnen.

Zu der Familie gehören der stets korrekte, leicht schrullige Vater mit seiner ganz besonderen Diktion ("Ansage mir frisch!"), die gluckenhaft-naive Mutter ("Nein, wie isses denn nur möglich?") oder auch der schüchterne Walter, der sich dennoch in der Hitler-Jugend auflehnt. Und der als 18-Jähriger mit seiner Unbedachtheit nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mutter und seinen Bruder ins Gefängnis bringt. Zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilte das sowjetische Militärtribunal ihn und seinen Bruder, zu zehn Jahren Zwangsarbeit die Mutter. "Mich quält meine persönliche Schuld. Ich habe meine Familie zerstört. Und jetzt suche ich sie auf dem Papier wieder aufzubauen", begründet er selbst seinen Antrieb zu schreiben.

"Walter - Eine Geschichte für sich" handelt aber auch von Kempowskis lebenslangem Kampf um Anerkennung. Peuckert lässt am Schluss des Stückes die Kritiker zu Wort kommen, die Kempowski wegen seiner anekdotenhaften Erzählungen als "Großmeister der Putzigkeit" rügen, der keine "vorschriftsmäßige Vergangenheitsbewältigung" leiste. Mit angeklebten Schnurrbärten stehen zum Ausklang gleich fünf Walters auf der Bühne und verteidigen die ihm eigene Erinnerungskultur: "Die Tagebücher der Alten darf man nicht in den Sperrmüll werfen, denn es ist unsere Geschichte, die darin erzählt wird."

Dass Tom Peuckerts Annäherung an Walter Kempowski und dessen vom Umfang her auf jeden Fall monumentales Werk nur skizzenhaft bleiben kann, liegt nahe. Doch sein Stück macht neugierig, den ganzen Kempowski zu entdecken oder wiederzuentdecken. Und das hat der lang Verkannte allemal verdient.

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