Premiere in Schwerin : Käthchen aus der Kiste

Wer zähmt sie, die Widerspenstige?
Wer zähmt sie, die Widerspenstige?

Premiere des Balletts „Der Widerspenstigen Zähmung“ im Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin

svz.de von
21. September 2015, 12:00 Uhr

„Dein Eh’mann ist dein Herr, ist dein Erhalter, dein Licht, dein Haupt, dein Fürst…“. Was Shakespeare seine Katharina, die vormals Widerspenstige, in ihrer „Strafpredigt für ungezogene Weiber“ verkünden lässt, ist nicht ernst zu nehmen. Und wenn Petruchio tönt: „Ich will der Herr sein meines Eigentums, sie ist mein Landgut, ist mein Haus, mein Hof…“, dann bestätigt das nur, dass er Komödie spielt in der Komödie.

„Der Widerspenstigen Zähmung“, auch von Film und Musical adaptierter Geschlechterkampf, vollzieht sich demnach auf doppeltem Boden. Kann man darauf auch tanzen? Aber sicher, wenn der Choreograph Gespür für die Commedia dell’arte hat, die in dem Stück lebt. Tomasz Kajdanski beweist es mit dem Schweriner Ballett in seiner witzigen Variation von Shakespeares Geschichte einer spektakulären Hochzeit.

Die von drei Freiern umschwärmte Bianca muss nach Vaters Willen warten, bis die ältere, aber auf Mann vorerst allergisch reagierende Schwester Katharina unter der Haube ist. Biancas Bewerber kaufen Petruchio, der es mit Kurtisanen sowie der Flasche hat, um ihn auf Katharina anzusetzen. Das schafft Turbulenzen und verblüffend Erfolg. Katharina und Petruchio – „Küss mich, Käthchen“ – werden ein Paar, Bianca fällt endlich Lucentio zu, und auch beide Rest-Herren erhalten mit den Kurtisanen den Schnell-Segen des Priesters. Wortgefechte zu Körperscharmützeln. Kajdanskis Choreographie ist hochtourig aufgedreht. Tanz jagt und explodiert, typisiert und karikiert. Klassisch basiert, wirbeln Jetés, Touren, Battements, Flic-Flacs. Keine pure Ästhetik, aber lockere, auch überspitzte Figurationen in italienischem Tempo und südländisch leicht; wobei die Katharina-Figur choreografisch etwas unterbelichtet ist. Der Bewegungsfluss quasi eine Stromschnelle. Das ist nicht mit der Musik choreografiert, sondern auf die Musik, was ein Unterschied, ein qualitatives Plus ist: Der Tanz vibriert mit den Achtelnoten, sprudelt mit dem überraschenden Temperament einer (sehr laut abgespielten) Collage von Schostakowitsch-Kompositionen für Ballett und Film. Auf einer eleganten Bühne von Dorin Gal mit Palazzo-Architektur und verspiegelten Glaswänden, die Bewegung multiplizieren, auch Gals Kostüme sind dell‘arte-Couture.

Das Ensemble wie elektrisiert. Zwischen Selbstgewissheit, Demütigung und Glück gibt Eliza Kalcheva ein auch spielerisch prägnantes Kampf-Käthchen. Genervt, weist sie Bedrängung ab und dreht dann Fouettés als Zeichen des Eigensinns, sticht in der Aggression ein Bein wie ein Florett aus, durchleidet Chaos, das Petruchio ihr zumutet, verwandelt sich mit ihm im „Tea for Two“-Duett zum Liebreiz. Ein Energiebündel der Petruchio von Vladislav Koltsov, ein Hallodri, ein aufgesetzter Macho, dann fast ein Galan und immer voller Dynamik.

Victoria Garcia Martínez stellt attraktiv und pointiert Koketterie als Bianca aus. Voll die Commedia sind die Freier Ennio Zappalá, Ivan Kozyuk und Giuseppe Salomone mit clowneskem Feuerwerk, und Kellymarie Sullivan und Katharina Maria Schmidt provokant als wilde Kurtisanen. Lautstarker Premierenbeifall für diese Tanz-Erfrischung.

Im Vorspiel purzelt Katharina aus Petruchios Reisekiste, daraus entlässt sie ihn gnädig im Nachspiel. Wer hat wen gezähmt? Scherzo Kajdanski. Über diese Frauen-Zähmung darf selbst eine Feministin lachen.

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