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Jacob, Wilhelm und Günter

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erstellt am 31.Aug.2010 | 06:13 Uhr

Schwerin | Ein neues Buch von Günter Grass ist immer ein Ereignis. Dieses Buch ist darüber hinaus eines seiner schönsten, weil sprachmächtigsten, persönlichsten, überraschendsten - und sein "wahrscheinlich letztes Buch", wie Grass leicht wehmütig in seinem altersweisen Werk konstatiert.

"Grimms Wörter" trägt die auf den ersten Blick seltsame Genrebezeichnung "Eine Liebeserklärung". Sie hätte nicht treffender gewählt werden können. Es ist eine Liebeserklärung. An die Brüder Grimm, an die deutsche Sprache - und leider auch an sich selbst. Darf man das einem Schriftsteller, zumal einem Literaturnobelpreisträger vorwerfen, der im Oktober 83 Jahre alt wird? Nur so viel: Etwas weniger Grass hätte dem Buch nicht geschadet. Das ist aber auch schon der einzige Einwand.

Den überwiegenden Teil dieses großen literarischen Abschieds nehmen die Brüder Grimm und ihr Lebenselixier, die deutsche Sprache, ein. Grass entwirft anhand historischer Fakten und fiktiver Szenen das Leben der Brüder Grimm, die viel mehr waren als die berühmten, noch immer in aller Welt gelesenen Märchenbrüder, die von Allerleirauh und Aschenbrödel, Froschkönig und Gestiefeltem Kater erzählten.

Denn es waren einmal zwei Brüder, Jacob und Wilhelm Grimm, die sich im Jahr 1838 anschickten, ein Wörterbuch der deutschen Sprache herauszugeben. Da waren sie schon über 50 Jahre alt. Den Aufwand, alle deutschen Wörter, von A wie Anfang bis Z wie Ziel zwischen Buchdeckel zwingen zu wollen, unterschätzten sie aber ein wenig. Denn es ging den Leipziger Verlegern und den Grimms nicht allein um Aberwitz, Angesicht und Atemkraft, sie spürten auch den Quellen dieser Wörter nach. Sie "bestellten weitläufige Wortfelder, die teils blühten, teil verkrautet waren" und fraßen sich, zumindest anfangs, "planlos und wie auf gut Glück durch den Wörterbrei", Zettel um Zettel und immer in Gefahr, sich zu verzetteln. Das Werk wuchs ihnen über den Kopf und wurde erst Generationen später, von Revolutionen und Kriegen unterbrochen, im Jahr 1960 abgeschlossen.

"Dazu fällt mir ein..."

Während Grass die nahezu symbiotisch verbundenen Brüder durch ihr Leben begleitet, entwirft er zugleich ein Panorama wechselvoller deutscher Geschichte, einer bis in die Gegenwart zerrissenen deutschen Nation. Die Schicksalsschläge der Grimms sind für Grass immer wieder Anlass, seine eigene Biografie ins Spiel zu bringen, seine, wie er schreibt "aus Bürgersinn nicht enden wollende Tätigkeit in der politisch betriebenen Tretmühle".

"Dazu fällt mir ein..." beginnt der Trommler dann etwa seine Erinnerungen und erzählt, wie er Bundeskanzler Kiesinger dessen Mitgliedschaft in der NSDAP vorhält, wie er Willy Brandts Wahlkampfreden redigierte, Anna Seghers in einem Brief aufforderte, den Mauerbau zu kommentieren oder wie er in der Paulskirche Gesichter vereisen ließ, als er den deutschen Waffenexport in die Türkei anprangerte.

Noch fremdelt er, der Tod.

Auch seine aus Reden und Streitschriften hinlänglich bekannten Ansichten, etwa zur deutschen Einheit, die nur auf dem Papier stehe und ein "eilfertiger Anschluss" war, oder die "Sieger des Kalten Krieges", die nach dem "Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus beginnen, ihresgleichen zu zerstören, weil ihnen der Feind fehlt", finden sich in diesem Buch wieder.

Wer zuweilen in früheren Werken den typischen Grass-Sound schwer erträglich fand, mag diesmal versöhnt werden. Denn wie Günter Grass seine Wortgeschichten erzählt, wie Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Geschichte ineinandergreifen, wie er virtuos Sprachdenkmälern nachforscht, kurz mit dem Reichtum der deutschen Sprache spielt, das ist große Dicht- und Erzählkunst und Stoff für ganze Germanistiksemester.

In einer großartigen Szene setzt sich Grass in der Berliner Akademie zwischen Herder und Leibnitz, während der 76-jährige Jacob Grimm seine berühmte Rede über das Alter hält. Und Grass sinniert über den Tod: "Doch da mir, umringt von mehr und mehr Ungewißheiten, einzig der Tod gewiß ist, will ich ihn, wie Jacob es tat, als ungeladenen, aber unumgänglichen Gast empfangen und allenfalls mit der Bitte belästigen: mach es kurz und schmerzlos. Noch fremdelt er, wird aber vertrauter mit jeder schlafarmen Nacht. Ich weiß, auf ihn ist Verlaß."

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