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In dieser Welt überlebt niemand

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erstellt am 30.Okt.2012 | 11:58 Uhr

Rostock | Ernst Augustin feiert morgen seinen 85. Geburtstag. Zuletzt wurde der Autor für seinen Roman "Robinsons blaues Haus" für den Deutschen Buchpreis 2012 nominiert. Anlässlich seines Geburtstags bespricht der Rostocker Literaturprofessor Lutz Hagestedt Augustins jüngsten Roman.

Auf zwei Dinge kommt es im Leben an - auf die Liebe und das Geld. Beides ist unverzichtbar, beides birgt aber auch Gefahren. Das Geld führt unweigerlich auf die Spur seines Besitzers, und die Liebe tendiert zum Verrat. Unser Held geht wie ein Hauch durch die Welt, und dennoch ist man ihm auf den Fersen, seit er das Erbe seines Vaters angetreten hat, der das Geld anderer Leute wusch, offenbar mit klebriger Hand. Schon als Kind hat dieser moderne Robinson mit seinem Überlebenstraining begonnen, angesichts einer unwirtlichen Wirklichkeit, in der sich der Einzelne einem Ozean von Menschen ausgesetzt sieht und sich nach einer Insel der Seligen sehnt.

"Der Sinn des Lebens, erklärte ich einst meinem Freund, besteht aus nichts anderem als dem fortgesetzten Bemühen, sich wohnlich einzurichten." Dies geht am besten im Verborgenen, wie schon die Alten wussten. "Wohnen auf engstem Raum", aber komfortabel - und fast wie nicht vorhanden. Ein von außen unsichtbarer Wohnsafe von der Größe eines Zugabteils - sogar mit Gleisanschluss. In Grevesmühlen. Oder in Lüttich. Der Verwandlungskünstler ist mal hier, mal dort unterwegs und bleibt weitgehend unscheinbar, eine Aura von Mittelmaß und Unerheblichkeit verbreitend: War da wer oder was? Ein Lebenskünstler, der überall zu Hause ist und nirgendwo angetroffen werden kann. Dennoch läuft etwas schief, man ist ihm auf den Fersen, ein Vierschröter und ein langer Dünner - scherzhaft die "Brüder Karamasow" genannt. Einmal hatten sie ihn schon am Wickel und brutal niedergeknüppelt, als ein Schwall Uniformierter die Treppe hinuntergestürmt kam und sie ihn laufen lassen mussten.

Besonders interessiert sich Robinson für die Justizvollzugsanstalten des Landes Meck-Pomm - Malchow und Neuruppin, Pritzwalk und Güstrow sowie Neustrelitz, wo er seinen Freitag vermutet. Er stimmt ein Hohelied des deutschen Gefängnisses an, denn hier lebt man noch am sichersten, wendet der Staat doch Mittel auf, die sich ein Privatmann niemals leisten könnte.

"In einer früheren, ferneren Version dieser Geschichte sagt Daniel Defoe, er habe eines der unglaublichsten und abenteuerlichsten Leben gelebt. Ich sage: Ich auch." Unser Robinson lebt unter wechselnden Identitäten und er ist seinen Verfolgern (fast) immer einen Schritt voraus. Kindheitsreminiszenzen, die Spiele im Hof, die Schulklasse, die Sommerhitze, Kiesgrube und Baggersee werden mit schöner Evidenz unserer Kinder- und Jugendbuchklassiker erzählt.

Ernst Augustin hat ein wunderbares, farbiges Abenteuerbuch geschrieben, zugleich eine Art Autobiografie, die aus den Lebensstationen, den eigenen Büchern und den durchlebten literarischen Erfahrungen zusammengesetzt ist. Der Rückzugsraum Grevesmühlen beispielsweise ist eine DDR-Reminiszenz: Ein Geruch von Kohlenstaub und die Bahnmeisterei, die wie ein großer roter Schwamm aussieht, machen ihn aus - "ein Selbstmord wäre hier verständlich". Jahrgang 1927, ist Augustin in Schwerin aufgewachsen und hat in Rostock Medizin studiert. Ende der 50er-Jahre arbeitete er als Assistenzarzt an der Nervenklinik der Charité in Ost-Berlin, bevor er - noch vor dem Mauerbau - ein exotischeres Leben wählte und als Arzt nach Afghanistan ging. Nun wurde sein Roman auf den ersten Platz der Bestenliste gewählt.

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