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Hans Jürgen Syberberg : Immer noch ein Ärgernis

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Der Regisseur Hans Jürgen Syberberg wird 80: Heute kämpft er in seiner Wahlheimat Mecklenburg-Vorpommern für Flüchtlinge

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erstellt am 08.Dez.2015 | 10:28 Uhr

Es ist ja nicht so, als wenn der Mann Konflikte scheuen würde. Im Gegenteil: Der Regisseur und Autor Hans Jürgen Syberberg war lange Zeit einer der originellsten, aber auch umstrittensten deutschen Filmkünstler. Auch zu seinem heutigen 80. Geburtstag bleibt er ein Ärgernis – zumindest in den Augen einiger Bewohner in Nossendorf, einem kleinen Ort nördlich von Demmin in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wurde Syberberg als Sohn eines Gutsherren geboren, dorthin kehrte er vor fünfzehn Jahren zurück.

In Nossendorf, so berichtet Syberberg, gebe es eine alte, leer stehende Schule: „Drei Etagen mit funktionierender Heizung und fließendem Wasser, ideal geeignet, um dort Flüchtlinge unterzubringen.“ Doch sein Vorschlag, unter anderem geäußert in seinem Internetblog, stieß nach seinen Worten auf wenig Gegenliebe.„Die Leute wollen das nicht.“

Allzu viele Freunde hatte sich Syberberg auch mit vielen seiner künstlerischen Projekte nicht gemacht. Furore machte vor allem das fünfstündige Interview mit Winifred Wagner, in der Nazizeit Hausherrin auf Bayreuths „Grünem Hügel“ und enge Vertraute Hitlers. Ihre unerhörten Bekenntnisse gipfelten in dem Satz: Käme Hitler heute zur Tür herein, „ich wäre genauso froh und glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, wie immer“. Winifred wurde daraufhin aus dem Festspielbezirk verbannt, ebenso Syberberg, der Überbringer der Botschaft.

Syberberg arbeitete sich vor allem an deutschen Mythen ab, die auf direkten oder verschlungenen Wegen in den Faschismus mündeten: Eigenwillige Filmkunstwerke über Ludwig II., den bayerischen „Märchenkönig“, Karl May, den sächsischen Schöpfer von Trivialmythen und über Adolf Hitler selbst fasste er in seiner „Deutschen Trilogie“ zusammen. Besonders umstritten war das 1977 entstandene Hitler-Opus, eine siebenstündige Filmcollage aus Rezitation, Theater, Dokumentation, Spiel- und Musikfilm. Obwohl Syberberg nach eigener Darstellung nur den „Hitler in uns allen“ ausloten wollte, wurde ihm  eine verharmlosende Sicht aufs „Dritte Reich“ angekreidet.

Massiver waren die Vorwürfe, die auf ihn ein einprasselten, nachdem er im Wendejahr 1990 sein Buch „Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege“ vorgelegt hatte. Kritiker attestiertem ihm „chauvinistische Verwirrung“ und „antisemitisches Gefasel“. Syberberg fühlte sich missverstanden. „Es gab einen regelrechten Bannfluch, ich flog aus dem Theater raus, eine Entfernung.“

Mehr Anerkennung war Syberberg in Frankreich beschieden, wo seine assoziative Montage-Ästhetik von dem Philosophen Michel Foucault gepriesen wurde, der den Hitler-Film ein „schönes Monster“ nannte. Zusammen mit der Schauspielerin Edith Clever kamen 1984 beim Pariser Festival d'Automne zwei gefeierte Solo-Abende heraus, die zugleich Syberbergs Debüt als Bühnenregisseur markierten.  Kunstinstallationen unter anderem auf der Kasseler documenta X 1997 zeigten Syberberg abermals als künstlerisches Multitalent.

Nächstes Jahr will Syberberg noch einmal ans Theater zurückkehren. Er werde am Berliner Theater Hebbel am Ufer ein Projekt zu Heiner Müllers 10. Todestag präsentieren. Sein wichtigstes „Work in progress“ ist Syberbergs Internet-Tagebuch.„Das ist eigentlich reine Filmarbeit mit Texten, Bildern, Schnitten, ohne Film könnte man das gar nicht machen“. Jeden Tag habe er bis zu 10 000 „Besucher“ aus aller Welt. „An dritter Stelle liegt China“, freut sich Syberberg über seine Wirkung.

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