Festspiele MV : Im Pavillon mit Beethoven und Faust

Musikerinnen der Akademie für Alte Musik spielten in der Wüsten Kirche. Fotos: Holger Kankel
1 von 4
Musikerinnen der Akademie für Alte Musik spielten in der Wüsten Kirche. Fotos: Holger Kankel

Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern luden drei Tage lang zu einer faszinierenden Zeitreise in das Jahr 1808

von
14. September 2015, 21:00 Uhr

Als die Gäste von ihrem „Klingenden Spaziergang“ zur Ruine Wüste Kirche durch den Park nach Ulrichshusen zurückschlenderten, spielten einige Künstler der Akademie für Alte Musik, die gerade ihre Instrumente hinter dem Schloss stimmten, „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Ein Scherz. Der Chef des renommierten Orchesters, Bernhard Forck, rief auch gleich gespielt entsetzt: „Ich kenne euch nicht.“

Die Szene beschreibt gut die heitere Stimmung dieser drei Tage, die unter dem Motto „Pavillon 1808“ in eben jenes denkwürdige Jahr 1808 entführten, in dem die deutsche Kultur schier explodierte. In dem Beethoven, der im Mittelpunkt dieser Konzert-, Literatur- und Vortragsreihe stand, wichtige Werke schuf. In dem der „Faust“ veröffentlicht wurde und Caspar David Friedrich sein Gemälde „Mönch am Meer“ malte.

Kurz vor dem Ende der 25. Festspiele MV hatte Intendant Markus Fein mit dem von ihm ersonnenen Projekt des „Pavillons“ noch einmal einen Trumpf im Ärmel. Wohl kaum jemand, konnte er nun alle Programmpunkte erleben oder nur einzelne, wird am Sonntagabend nicht beglückt und ein stückweit klüger die Heimreise angetreten haben.

Werfen wir einige Blicke in den „Pavillon 1808“, wohl wissend, wie flüchtig sie bei der Fülle der Veranstaltungen nur sein können. Los ging es am Freitagabend mit Stipendiaten der die Reihe „Pavillons der Jahrhunderte“ ermöglichenden Körber-Stiftung. In einem interaktiven Beethoven-Feature wurde der Freiheitsbegriff von vielen Seiten beleuchtet. Was bedeutete Freiheit im Jahr 1808, als zum ersten Mal Gedanken an einen deutschen Nationalstaat aufkamen, die Glühbirne erfunden wurde und mit den Dampfmaschinen die Kleidung von der Stange? War Beethoven frei? Was heißt Freiheit heute in Zeiten von Google & Co.? Sind wir „glücklichen Sklaven“ nicht doch die größten Feinde der Freiheit?

Etwas schwermütige Gedanken, die beim anschließenden, umjubelten Konzert der Festivalpreisträger Veronika Eberle (Violine), Sebastian Klinger (Cello) und Machail Lifits (Klavier) mit drei Beethoven-Klaviertrios schnell verflogen. Klinger und Lifits waren es dann auch, die am nächsten Morgen gemeinsam mit Moderator Uwe Friedrich einen Blick durchs Schlüsselloch in Beethovens Komponistenwerkstatt erlaubten. Ludwig van, das damals von vielen unverstandene Genie, komponierte gern auf langen Spaziergängen und kritzelte dabei in Notizheftchen.

Erhellend und überraschend zugleich, dass auch die anderen Protagonisten des „Pavillons“, Caspar David Friedrich, Goethe und Humboldt von ihren Zeitgenossen angefeindet wurden. Friedrich wegen seines radikal neuen Bildkonzeptes. Selbst ein Schiff, das ursprünglich im Meer seines berühmten Mönchsbildes zu sehen war, übermalte er. Auch Goethes „Faust“, aus dem die Wiener Schauspieler Brigitte Karner und Peter Simonischek am Sonnabend lasen, wurde erst nach der Reichsgründung zum „Gipfel deutscher Kultur“ erklärt.

Und Alexander von Humboldt, den man den zweiten Kolumbus nannte, wurde in aller Welt gefeiert. Nur den Deutschen waren lange Zeit die Ansichten dieses „Franzosenfreundes“ viel zu fortschrittlich.

Für den vielleicht größten Jubel sorgten an diesem langen Kunstwochenende die jungen Musiker des Schumann-Quartetts, eines der besten Ensembles ihrer Generation. Sie spielten gleich alle drei „Rasumowski“-Streichquartette, die Beethoven eben jenem Rasumowski, dem russischen Botschafter des Zaren in Wien, gewidmet hatte, und zwar so beseelt und feurig, dass sie vielleicht selbst die Hörer des Jahres 1808 versöhnt hätten, die diese Musik als „Flickwerk eines Wahnsinnigen“ verteufelten.

Höhepunkt und Ausklang dieses Musikmarathons, der neben dem Motto „Pavillon 1808“ den etwas spröden Untertitel „Musik in der Zeit verorten“ trug, waren dann am Sonntagabend zwei große Beethoven-Konzerne in der Festspielscheune mit der Akademie für Alte Musik Berlin, die zum ersten Mal bei den Festspielen gastierte. Wobei Konzertmeister Bernhard Forck, der zugleich als Dirigent fungierte, mit seinem Lockenkopf ein wenig an den jungen Beethoven erinnerte. Für das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur, das auch Beethoven selbst bei seiner Uraufführung als Solist präsentierte, konnte am Hammerklavier einer der weltweit führenden Meister seines Fachs gewonnen werden, Andreas Staier. Der „Pavillon“ hätte dann in Ulrichshusens idyllischer Umgebung nicht besser enden können als mit Beethovens 6. Sinfonie, der „Pastorale“, auch wenn das Motto des ersten Satzes – „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ und das berühmte Vogelstimmenterzett mit Nachtigall, Wachtel und Kuckuck sozusagen zum Rausschmeißer nach einem unvergesslichen Wochenende rund um Schloss Ulrichshusen wurde. Syrischen Flüchtlingen, die die Schlossherrin eingeladen hatte, ist Beethoven, wie Alla von Maltzahn versicherte, durchaus kein Unbekannter.

Auch im kommenden Jahr, wird es zwei „Pavillons der Jahrhunderte“ geben, wie Intendant Markus Fein verriet, der in den Pausen zwischen den Konzerten das jüngste Mitglied der Festspielfamilie im Kinderwagen hin und her schob, seinen sechsmonatigen Sohn Emil. In welches Jahr uns die beiden Festivals im Festival entführen werden, wollte Fein noch nicht sagen. Nur so viel: „In die Zeit vor und in die Zeit nach 1808.“

Tippen wir also mal auf Mozart und Robert Schumann.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen