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Lesung "Aus dem Leben eines Taugenichts?" : Im Auge des historischen Sturms

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Lesung? Welche Lesung? Das, was Peter-Michael Diestel, Hauptquelle der in unserer Zeitung als Lese-Serie erscheinenden Biografie, am Donnerstagabend seinen Zuhörern bot, war erstklassiges Entertainment.

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erstellt am 28.Jan.2011 | 07:01 Uhr

Schwerin | Lesung? Welche Lesung? Das, was Peter-Michael Diestel, Hauptquelle der mit Hannes Hofmann verfassten und in unserer Zeitung als Lese-Serie erscheinenden Biografie "Diestel - Aus dem Leben eines Taugenichts?", am Donnerstagabend seinen Zuhörern bot, war erstklassiges Entertainment mit Bildungsanspruch. Diestel, erster frei gewählter und insgesamt letzter Innenminister der DDR und heute Anwalt, hatte die Lacher des zahlreichen Publikums in der Schweriner Buchhandlung Weiland gleich auf seiner Seite, mit der Reich-Ranicki-Parodie "Vorrrrsicht, dasss ist garr kaine Lieteraturrr" und dem Satz "Ich gehe schon davon aus, dass mich der eine oder andere hier nicht leiden kann. Kaufen sie das Buch trotzdem, ich habe keinen Gewinn davon - außer, dass sie vielleicht ihre Meinung ändern."

Die Meinungen über Peter-Michael Diestel sind in der Tat geteilt. Dass der einstige Generalsekretär der Deutschen Sozialen Union (DSU) und Landtags-Spitzenkandiat der CDU in Brandenburg erstens bei der Übernahme des Innenministeriums eng mit den alten Kadern zusammengearbeitet hat, zweitens bis heute den Umgang mit den ehemaligen MfS-Mitarbeitern als "faschistoid" kritisiert und drittens die Abschaffung der Stasiunterlagen-Behörde fordert, stößt vielen sauer auf.

Habe er den alten MfS- und Polizeiführern, damals, als er 1990 als neuer Herr das Innenministerium betrat, nicht zu viele Möglichkeiten gegeben, sich neu zu integrieren, fragte Moderator Dietmar Tahn, Redakteur unserer Zeitung und Diestel-Kenner? Niemand kann Diestel vorwerfen, zum Ausweichen zu neigen, er sagt: "Ich habe mit denen Frieden organisiert, die da waren und das konnten." Und: "Wenn sie eine Hundertschaft führen wollen, müssen Sie Offizier sein." Er habe den gesamten verschachtelten Sicherheits- und Überwachungsapparat der DDR führen, um- und abbauen müssen, "und ich war nur dreimal Gefreiter, davon zweimal degradiert". Als Innenminister sei er sich vorgekommen wie ein Hochstapler. "Ich habe geträumt, dass Mielke anruft und sagt: Diestel, die Übung ist zu Ende."

Aber, ob er wollte oder nicht, über Nacht war Diestel zu einem Mann mit einer Aufgabe von epochalem Format geworden. Einer Aufgabe, die einem Churchill angemessen gewesen wäre. In "Aus dem Leben eines Taugenichts?" beschreibt Diestel sein politisches Denken und Handeln 1989/1990, als er und andere im Auge des historischen Sturms standen.

Okay, er lässt beschreiben. Warum eigentlich? Knackige Formulierungen, gewürzt mit einer Prise Selbstironie und dann auch noch über die historisch wilde Zeit zwischen Wende und Wiedervereinigung - wenn Diestel wie am Donnerstag live von seinen 174 Tagen als Minister erzählt, ist es immer spannend. Wie er bei einer Visite in der Lubjanka den KGB-Chef und späteren Putschisten Armeegeneral Wladimir Alexandrowitsch Krjutschkow überzeugt, die Akten über die Insassen der einstigen NKWD-Lager herauszurücken: "Der Wodka war lauwarm." Oder die Antwort auf seine Frage an seine aus dem MfS stammenden Personenschützer, mit denen er Gewichte stemmte, was sie denn getan hätten, wenn die Lage wieder zugunsten der alten Ordnung gekippt wäre? "Dann hätten wir sie verhaftet und bei Befehl auch erschossen, haben die gesagt." Oder wie er seinen Amtsvorgänger General Lothar Ahrendt "mit ein bisschen Alkohol" überzeugte, ihm als erster Berater zu dienen. Oder, einer noch, wie er dem bei seiner eigenen Ex-Partei in tiefste Ungnade gefallenen Erich Honecker ein Quartier in einer russischen Kaserne vermittelte: "Er hat mich mit ,Herr Minister angesprochen."

Die Seele derer, die sich 1990 bei der Vereinigung etwas zu eng an die bundesdeutsche Brust gedrückt fühlten, streichelt der alte Boxer Diestel mit dem Bonmot "Lothar de Mazière wog unter 50 Kilo und Helmut Kohl drei Zentner, so waren eben die Kräfteverhältnisse." Und auch wer das MfS verabscheut, kann über den Satz "bei den Geheimdiensten war die Bundesrepublik Kreisklasse und die DDR Champions League" schmunzeln.

Aber im Ernst, an sein Tun und Handeln zu Wende- und Vereinigungszeiten legt Peter-Michael Diestel nach eigenen Worten nur einen Maßstab an: Die DDR sollte abgeschafft werden, die Vereinigung kommen - und das ohne Gewalt und Blutvergießen. Das war nahezu die Quadratur des Kreises: "Wir wissen ja, wie kommunistische Regime reagieren, wenn sie die Macht verlieren." Ein Regime zumal, das nicht nur über das MfS gebot, sondern über Legionen von weiteren bewaffneten Organen. Dennoch, das betont Diestel, sei "kein einziger politisch motivierter Schuss gefallen". Deshalb würde er seine Entscheidungen von damals jederzeit wieder so treffen. Auch die Entscheidung zur Einbindung der alten Kader und MfS-ler in die damalige Umstrukturierung.

Die Stasiunterlagen-Behörde lehnte und lehnt Diestel ab. Die wirklich brisanten Akten seien bei seinem Amtsantritt 1990 längst beiseite geschafft oder vernichtet gewesen, sagt er. Heute würden nur kleine Leute als ehemalige IMs "erbarmungslos hingerichtet". Wenn jemand, der vor 50 Jahren für das MfS gearbeitet habe, vielerorts nicht Abgeordneter werden dürfe, "dann ist das für mich faschistoide Denken und ein Sonderrecht, gegen das man vorgehen muss, wenn man den Rechtsstaat erhalten will". Die Einheit sei allein das Verdienst der Ostdeutschen, die "die Mauer eingetreten haben". Aber auch die Staatssicherheitler hätten einen Anteil: "Schließlich haben sie uns ihre Waffen übergeben." Hätte man ihnen aber gesagt, dass sie für Jahrzehnte aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden würden, "dann hätte es die deutsche Einheit nicht gegeben". Oder nicht unblutig.

Da hat er wohl recht. Jeder solle nach der Lektüre selbst entscheiden, ob er den Buchtitel "Aus dem Leben eines Taugenichts?" mit oder ohne Fragezeichen liest, sagt Peter-Michael Diestel. Also: Das Fragezeichen kann weg. Dafür bekommt "eines" ein "k" vorgesetzt.

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