INTERVIEW: Kurt Masur : „Ich versuchte zu vermitteln“

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Der Dirigent Kurt Masur wurde zu einer zentralen Figur der Wende.

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08. November 2014, 08:30 Uhr

In der Zeit der Wende ist Kurt Masur zum „Politiker wider Willen“ geworden: Seinem Engagement ist es vor allem zu verdanken, dass es bei den „Wir sind das Volk“-Demonstrationen in Leipzig nicht zu einem Blutvergießen gekommen ist. Über diese Zeit, aber auch über seine Arbeit als Dirigent sprechen wir mit Kurt Masur in seinem Haus in Leipzig.

Herr Masur, auf dem Tisch hier liegt die Partitur zu Mendelssohns „Elias“, auf dem Flügel die zu Beethovens Neunter. Was haben Sie damit vor?

Ich arbeite – so wie ich immer gearbeitet habe. Ich nehme mir Werke vor, die ich lange nicht dirigiert habe und von denen ich sicher bin, dass sich in der Beschäftigung mit ihnen neue Aspekte ergeben. Außerdem krame ich Stücke wieder hervor, damit die Frische der Interpretation erhalten bleibt. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als dass die Leute denken, der Masur dirigiert jetzt die Neunte Beethovens zum zweihundertsten Mal, und das spürt man auch. Routine ist für mich das Schlimmste, und die Orchester wissen das auch. Man muss immer den Eindruck haben, etwas erklinge ganz spontan, ist so musiziert, wie sich der Komponist das vorgestellt hat.

Ihr Dirigentenkollege Nikolaus Harnoncourt hat erst kürzlich gesagt, er versuche ein Werk immer so zu erarbeiten, als sei es eine Uraufführung. Hat er damit recht?

Er hat damit recht – und gleichzeitig unrecht. Uraufführungen haben etwas Spontanes an sich, bergen aber auch eine Gefahr: dass man die Struktur eines Werkes nicht sofort erfassen kann. Manche Werke sind kompliziert, manche haben philosophische Grundlagen, die man kennen muss, und vor allen Dingen spielt für mich die Position des Komponisten die Hauptrolle. Aber auch ich habe mich immer gezwungen, eine Partitur so zu lesen, als sei sie neu.

Gibt es nun konkrete Aufführungen, auf die Sie sich vorbereiten, oder beschäftigen Sie sich um der Werke willen mit den Partituren?

Von außen betrachtet, sieht es nicht so aus, als würde ich sehr viel arbeiten. Aber es ist auf der anderen Seite so für mich, dass ich weiß, dass ich die Ruhe vor dem Sturm habe. Ich habe vor zwei oder drei Tagen einmal all die Unterlagen zu den Gastspielen mit dem Gewandhausorchester durchgesehen – es waren fast tausend. Dazu kamen ungefähr noch einmal so viele Gastspiele bei anderen Orchestern. Ich habe das nie bewusst nachvollzogen, weil ich nie rückwärts geschaut habe. Das war für mich das Resultat vieler Gespräche mit meiner ersten Klavierlehrerin. Ich habe mit Katharina Hartmann angefangen, Klavier zu lernen; da war ich zehn Jahre alt. Das ist schon ziemlich spät. Ich hatte vorher schon nach Gehör ein bisschen geklimpert, aber sie war entsetzt, fragte, „wie – du spielst nur nach Gehör? Hast du nie Noten lesen gelernt?“ Damit ging das los, dass sie mir beibrachte, D-Dur und G-Dur und c-Moll unterscheiden zu lernen, diese elementaren Dinge. Das war für mich manchmal eine Fronarbeit, habe aber auf der anderen Seite erkannt, dass es keinen anderen Weg gibt, als genau diese Arbeit zu leisten, um zu begreifen, warum die „Eroica“ etwas ganz anderes ist als die Vierte und die wiederum ganz anders als die Fünfte. Diese Zusammenhänge zu lernen und zu begreifen, warum in Beethovens Leben der Bezug auf das nächste zu komponierende Werk eigentlich schon vorhanden war, bevor er es komponiert hat.

Sie sind einer der berühmtesten Dirigenten weltweit; auch Menschen, die nicht unbedingt mit klassischer Musik zu tun haben, kennen Ihren Namen – aufgrund Ihrer wichtigen Rolle bei den Umwälzungen im Oktober 1989 in Leipzig. Kränkt Sie das in Ihrer Musikerehre?

Überhaupt nicht. Ich denke, jeder von uns muss damit rechnen, ganz gleich, wie er an die Öffentlichkeit herantritt, dass sein Tun sehr unterschiedlich bewertet wird.

Wie reagierten denn Ihre Musiker auf Ihr politisches Engagement?

Sie standen hinter mir. Haben mich unterstützt.

An diesem Tisch wurde am 9. Oktober 1989 der Aufruf zum Gewaltverzicht formuliert. Was hat Sie als Musiker damals angetrieben, daran mitzuwirken?

Ich habe nicht mitgewirkt; ich wurde mitgezogen in einer Entwicklung, die besorgniserregend war. Ich habe mit den Leipzigern mitgefühlt und mitgedacht, und es war offensichtlich, dass die Gefahr der Eskalation bestand.

. . . und mit der gleichen Verantwortung haben Sie sich in den Dienst der Wende gestellt?

Genau.

Hat sich nach Gorbatschows Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion die Wende in der DDR abgezeichnet?

Auf jeden Fall. Es gab ja schon früher verschiedene Entwicklungen um uns herum – denken Sie an die Tschechoslowakei unter Dubcek. Ich erinnere mich, weil ich am 1. Mai 1968 zu einem Gastspiel mit dem Tschechischen Orchester war. Ich war elektrisiert, als nicht etwa ein Umzug zum 1. Mai stattfand, sondern gegen 12 Uhr mittags die Leute aus den Häusern kamen – nicht mit Fahnen. Sie kamen einfach auf den zentralen Platz, haben sich die Kundgebung angehört und sind dann wieder nach Hause gegangen. Diese stille Art sagt sehr deutlich: Das ist auch unser Feiertag, der Tag der Arbeit! Später begann das auch in Polen mit Lech Walesa.

Sie haben in der Phase der Wende auch an den „Leipziger Postulaten“ mitgearbeitet.

. . . das haben wir an diesem Tisch geschrieben . . .

. . . Thesen für eine Demokratische Republik Deutschland. Was bezweckten Sie damit?

Ich versuchte, zwischen Fronten zu vermitteln. Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ wurden alle angesprochen: „Seid ihr auch das Volk“? Am nächsten Tag liefen Polizisten mit einem Plakat herum, auf dem stand „Wir sind auch das Volk“. Sie sagten damit „Wir sind nicht eure Gegner“.

Deshalb der Aufruf zum Gewaltverzicht an alle Seiten. – Sie waren zu DDR-Zeiten häufig mit dem Gewandhausorchester auf Tournee, und regelmäßig sind Musiker nicht mit zurückgekommen. Wie haben Sie persönlich darauf reagiert?

Ich habe versucht, jeden Fall gesondert zu betrachten – wie ich glaubte, es richtig zu machen. Es waren oft sehr bewegende Momente.


Empfanden Sie und Ihre Musiker es als etwas Besonderes, im Gewandhausorchester zu spielen, dem ältesten bürgerlichen Orchester der Welt?

Das versteht sich von selbst. Es gab einen Musiker, der mich an einem freien Tag in der Tschechoslowakei sprechen wollte. Er zweifelte, ob er wieder zurückkommen soll. Seine Familie wollte in den Westen, er wollte aber das Gewandhausorchester nicht verlassen. „Was würden Sie mir raten?“, fragte er mich. Zu diesem Zeitpunkt war schon vieles in Bewegung geraten, und so sagte ich ihm, es sei absehbar, dass es bald Veränderungen geben muss. Ich war damals fest überzeugt, dass es bald Regelungen geben würde, die einem solchen Musiker die Ausreise möglich machen würden, ohne dass er oder seine Familie Schaden nehmen würde. Er hat dann, als wir von der Reise zurück waren, einen Ausreiseantrag gestellt und war mir dankbar, dass er das tun konnte, ohne dem Gewandhaus Schaden zuzufügen.

Hat das vereinte Deutschland heute, also 25 Jahre nach dem Mauerfall, einen passenderen Umgang miteinander gefunden? Ist, um mit Willy Brandt zu sprechen, zusammengewachsen, was zusammengehört?

Politiker dürfen ja einfach und zugespitzt formulieren. Helmut Kohl war gewiss nicht der Treffsicherste in der Beurteilung der Situation nach der Wende. Brandt war viel näher, hatte großzügigeres, vielleicht globaleres Denken. Ich muss sagen: Reaktionen von unseren Staatsführern zu dieser Zeit waren so unterschiedlich. Bejahen kann ich nur ein Zeichen: Willy Brandts Kniefall von Warschau. Das hatte mich glücklich gemacht.

Warum nahm die „Wir sind das Volk“-Bewegung ihren Ausgang ausgerechnet in Leipzig?

Die Leipziger waren vielleicht weltoffener als der Rest der DDR durch die Leipziger Messe. Die Leipziger Bevölkerung hat ja viele Messegäste auch privat beherbergt, also gewissermaßen in die Familien aufgenommen. So kam es jedes Jahr zweimal zu intensiven Begegnungen. Das hat die Messe zu einer Begegnungsstätte zwischen Ost und West gemacht. Das setzte einen Prozess des Verstehens und Begreifens in Gang. Für mich waren die Leipziger Messen auch immer etwas Besonderes, weil sie ein Gradmesser dafür waren, wie weit wir Leipziger als Bevölkerung bereit sind, die neuen Erkenntnisse – im Handel, in der Kultur, in jeder Hinsicht – nachzuvollziehen.

Hatten Sie eine Vorstellung, wie sich die beiden deutschen Staaten entwickeln könnten?

Nein. Die Idee eines einzigen Staates weckte immer noch ungute Erinnerungen an ein Kaiserreich, ein Deutsches oder gar Großdeutsches Reich.

Wenn Kahlschlag in unsere reiche Theater- und Orchesterlandschaft droht, ereignet sich das vor allem im Osten. Was hat die Wende aus kultureller Sicht bewirkt?

Die Wende hat in der Tat eine sehr gefährliche Situation gebracht. Bärbel Bohley hat das sehr treffend formuliert: Als viele nach Westberlin fuhren, um einzukaufen, sagte sie, „ich befürchte, die Revolution endet im KaDeWe“.

Sie haben nach der Wende parallel zum Leipziger Gewandhausorchester das New York Philharmonic Orchestra übernommen. War das nicht ein schwieriger Spagat?

Eine Entscheidung gegen das eine oder das andere war mir nicht möglich. Die Chance, mit zwei so wunderbaren Orchestern auch viel für die Verständigung tun zu können, hat mich sehr gereizt. Im Rückblick bin ich froh, dass die Abnutzungserscheinungen zwischen Orchester und Dirigent in Leipzig zumindest nicht so groß waren, dass es zu einem schlechten Verhältnis geführt hätte. Wie ich andererseits von den Musikern und vom Publikum in New York begrüßt wurde – das letzte Mal war das vor einem Jahr –, ist schon ein schönes Gefühl. Und ich hoffe, es bleibt so.


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