Schriftsteller Hermann Kant : "Ich habe meins eingelöst"

<strong>Hermann Kant </strong>im Gespräch mit seiner Biografin Linde Salber in Ludwigslust<foto>Seidel</foto>
Hermann Kant im Gespräch mit seiner Biografin Linde Salber in LudwigslustSeidel

Zum Jahresende erscheint eine neue Biografie von Hermann Kant über den Autor der "Aula". Nach einer Austellungseröffnung von Linde Salber hat Jürgen Seidel in Ludwigslust mit Hermann Kant und Linde Salber gesprochen.

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18. Juli 2012, 07:15 Uhr

"Nicht ohne Utopie. Der Schriftsteller Hermann Kant" - so wird eine neue Biografie über den Autor der "Aula" und des "Aufenthalts" sowie den langjährigen Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes heißen, die Ende des Jahres erscheinen soll. Deren Autorin ist die promovierte Psychologin und Psychotherapeutin sowie Verfasserin verschiedener Künstlerbiografien von Marlene Dietrich bis Salvador Dalí. Nach einer Austellungseröffnung mit Acrylmalerei von Linde Salber hat Jürgen Seidel in Ludwigslust mit Hermann Kant und Linde Salber gesprochen.

Herr Kant, wie geht es Ihnen?

Kant: Das soll man nicht sagen, aber nicht besonders. Sagen wir mal: Ich bin 86, und das ist alleine Befund genug.

Sie sind aber dennoch nach Ludwigslust gekommen?

Das hat verschiedene Gründe. Erstens bin ich immer froh, wenn ich einen gewichtigen Grund habe, mich aus meiner Hütte herauszubewegen. Zweites ist die Künstlerin, die hier vorgestellt wird, zugleich Biografin meines Lebens. So wie sie sich für mich interessiert, interessiere ich mich für sie.

Wie sind Sie denn zu dieser Biografin gekommen?

Es war ihre Initiative. Sie hatte etwas von mir gelesen, hat sich etwas kundig gemacht und dann fand sie, dass es sich lohnen könne, den Spuren meiner Tätigkeit nachzugehen. Das macht sie nun schon seit geraumer Weile, und ich bin selber gespannt, was dabei herauskommt.

Frau Salber, auch an Sie die Frage, wie wird man Hermann-Kant-Biografin?

Salber: Man stolpert über ein Buch. Ich bin über den "Aufenthalt" gestolpert. Ich bin von dort aus weitergegangen und habe mich gefragt, wer schreibt denn so? Dieses Buch hat mich in besonderer Weise bewegt.

Was heißt in diesem Falle so? Wer schreibt denn so?

So selbstbewusst, so sensibel, so sprachlich gelenkig, so sinntief, so eigenwillig - also einfach in einer Form, wie sie mir nicht vertraut ist. Ich lese viel, aber das kannte ich nicht. Und dann habe ich angefangen zu recherchieren: Wer ist das denn? Ich war zu diesem Zeitpunkt relativ unvertraut mit DDR-Literatur: Hermann Kant, wer war denn das? Und dann merkte ich, den Mann gibt es noch, und dann habe ich ihn zum neuen Jahr angerufen. 2008. Und dann habe ich weitergelesen, wir haben einander E-Mails geschickt. Dann habe ich Bücher geschickt, er hat Bücher geschickt. Und dann habe ich mir Notizen über seine Erzählungen gemacht und gedacht, das könnte doch eigentlich eine Biografie werden. Das wäre ja nicht so neu für dich. Am Anfang lief das aber überhaupt nicht. Später hat mir Herr Kant erklärt, dass er dachte, vom Westen aus geht das sowieso nicht. Die habe ja keine Ahnung. Aber ich bin drangeblieben. Und irgendwann bekam er mit, dass ich mich selber in die Geschichte eingebaut habe.

Außerdem hatten mich die Vorurteile und Vorverurteilungen in der Presse geschockt. Ich kann nur sagen, spannend, was ich gefunden habe, vieles, was man überhaupt nicht über ihn weiß: Die Geschichte lässt sich total anders begreifen, wenn man Briefe an Honecker und Hager und andere gelesen hat. Dann kann man viele Unverschämtheiten mattsetzen, die nur so tun, als hätten sie eine argumentative Basis. Und auch darum geht es mir.

Herr Kant, Sie haben selbst in ihren Romanen und Erzählungen oft biografisch gearbeitet. Ist denn da noch etwas Neues zu entdecken - auch für Sie?

Das war für mich der erste Einwand, den ich erhob. Frau Salber hat aber gesagt, nein, das überlassen Sie mal mir. Ich habe es ihr überlassen. Und soweit ich weiß, macht sie auch hin und wieder Funde, die mir etwas ganz Neues zeigen.

Herr Kant, schreiben Sie eigentlich selber noch?

Hin und wieder, aber mehr wieder als hin. Früher war das natürlich eine Selbstverständlichkeit. Es war mein Beruf, aber auch meine Lust. Inzwischen legt sich das eine und das andere geht immer mehr zur Neige.

Sie haben die Schriftstellerkongresse regelmäßig mit der Aufforderung beendet, und schreibt was Schönes…

…ja gewiss, aber ich glaube, ich habe meins eingelöst, was diese Aufforderung angeht.

Wann werden Sie die Biografie über sich zum ersten Mal lesen? Oder kennen Sie den Text schon?

Ich will sie nicht lesen, bevor sie fertig ist. Ich habe immer mal durch Sachfragen von Linde Salber erfahren, wo sie sich gerade aufhält in meinem Leben, aber ein bisschen Spannung muss auch sein.

Frau Salber, Sie sind eine erfahrene Biografin. Biografien schreiben - das hat immer mit einem ganz bestimmten Verhältnis des Biografen zu der Person zu tun, deren Leben er beschreibt. Wie ist Ihr Verhältnis zu Hermann Kant? Können Sie das in einem Satz beschreiben?

Salber: Sympathisch, kompliziert und eigenwillig.

Wann und wo wird Ihre Kant-Biografie erscheinen, wie umfangreich wird sie werden, und haben Sie schon einen Titel?

Ja, das Buch wird heißen "Nicht ohne Utopie. Der Schriftsteller Hermann Kant", es wird im Bouvier Verlag in Bonn erscheinen und wird umfangreich. Wenn ich viel kürze, immer noch mindestens 500 Seiten.

Und wann liegt die neue Kant-Biografie vor?

Ich hoffe, Ende des Jahres. Ich hoffe, hoffe, hoffe.

Frau Salber, woran schreiben Sie derzeit außer der Kant-Biografie?

Parallel habe ich mit einer Monographie über den Maler Emil Nolde begonnen. Das passt ja ganz gut zu Kant. Für beider Leben gilt gewissermaßen "Ein bisschen Südsee".

Die Ausstellung des Kunstvereins Ludwigslust mit den Arbeiten von Linde Salber ist bis zum 24. August 2012 immer donnerstags von 15 - 19 Uhr in der Ludwigsluster Schlossstr. 29 geöffnet. Zur Finissage am 24. August liest Linde Salber aus ihrem Manuskript "Aus der Wüste an die Elbe"

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