Gute Stimme genügt nicht

<strong>Katrin Hübner</strong>: 'Eine gute Inszenierung erreicht jedermann, das hat mit der Fähigkeit zu Gefühlen zu tun.'<foto>Silke Winkler</foto>
Katrin Hübner: "Eine gute Inszenierung erreicht jedermann, das hat mit der Fähigkeit zu Gefühlen zu tun."Silke Winkler

svz.de von
09. Juli 2010, 08:22 Uhr

Schwerin | Sie war zum Intendanten bestellt. Was ist los, fragte sich Katrin Hübner, da bekommt man doch eigentlich die Kündigung. Die Kündigung war es nicht, sondern die Verkündung: der Conrad Ekhof-Preis. Ein Nachhall der Überraschung in ihrer Stimme.

Keine Überraschung war der Jury-Entscheid der Theatergesellschaft nach den Leistungen der Sopranistin des Mecklenburgischen Staatstheaters in der Mono-Oper "Das Tagebuch der Anne Frank" von Grigori Frid sowie als Morgana in "Alcina" von Händel. Hier, wie in vielen Partien, kamen ihre Vorzüge als Sänger-Darstellerin zur Geltung. Und so beantwortet sie die Frage, ob eine gute Stimme für die Oper genüge, rasch mit Nein. "Das Publikum muss auch mit der Rolle, deren Botschaft berührt werden. Das spielerische Element ist mir wichtig. Oper hat schließlich Text. Es bedarf auch der Technik, ihn verständlich zu machen, alles in allem der Persönlichkeit des Singenden." Das hat mit Wahrhaftigkeit zu tun.

Schon als Kind hat Katrin Hübner aus Borna bei Leipzig in einem Chor gesungen, wurde Schülerin einer Musikklasse, hat an eine Zukunft als Sängerin aber nicht gedacht. Erst als sie merkte, "das Studium auf Lehramt war gar nicht meins", ging es zum Gesangsstudium in Leipzig und Berlin und 2004 ins Schweriner Ensemble.

Es hätte sie auch Medizin interessiert. Überhaupt hat sie "Respekt vor Berufen, die anderen Menschen helfen, für alle, die Verantwortung für andere übernehmen". Da spricht eine junge Frau, deren Sensibilität zu spüren, deren Frische nicht einstudiert ist. Lachend fällt der Satz: "Klar kann eine Sängerin für das Umfeld auch mal anstrengend sein."

Ist die Oper nur etwas für gebildete Leute? "Überhaupt nicht, kontert sie, "das ist ein Klischee. Eine gute Inszenierung erreicht jedermann, das hat nichts mit Bildung zu tun, eher mit dem Herzen, der Fähigkeit zu Gefühlen." Nebenbei: Enttäuscht war sie schon, dass ihre "Anne Frank" von den Schulen ungenügend angenommen wurde, offenbar sogar Lehrer von Oper abgeschreckt waren. Bildungsnot bei Bildungsvermittlern?

Elektronische Medien blühen, gibt es Oper noch in 50 Jahren? "Ich kann es mir nicht anders vorstellen." Der Satz kommt aus tiefem Atemzug in Dur, danach die Mahnung: "Es muss dafür mitreißende Aufführungen geben. Die Werke sollten jedoch nicht deformiert werden, um sie neu zu erfinden. Was die Zeiten überdauert hat, hat Wert bewiesen. Es ärgert mich, wenn Regisseure Opern unkenntlich machen. Das befriedigt Eitelkeiten, macht aber die Häuser leer. Das ist nicht wirklich modern."

Katrin Hübner, die sich in der Barockmusik gut aufgehoben fühlt, hört auch Nichtklassisches, "unbedingt, fast alles, von Liedermachern bis Heavy Metal, Volksmusik nicht so."

Neben der Musik, gesteht sie, ist ihr Platz knapp für andere Künste, sie geht in Ausstellungen, "ich bin da aber kein Kenner". Wie kann das Publikum stärker zu zeitgenössischen Kompositionen finden? "Der Zugang ist auch für Leute vom Fach manchmal schwierig. Es bedarf wohl oft der Erklärung, damit man entdeckt, was Kontakt schaffen kann." Ähnlich übrigens kommt ihr Politik vor, sie interessiert sich dafür, aber "manches ist mir zu kompliziert". Interessieren sich Politiker genügend für Theater? "Wahrscheinlich nicht."

Verrät sie einen Traum? "Ach, das klingt vielleicht pathetisch, ein Traum ist, dass die Welt ohne Gewalt wäre." Wo wird Katrin Hübner in drei Jahren singen? Ein schelmischer Blick wie von Despina, die sie kommende Spielzeit in Mozarts "Cosi" singen wird, also, "wenn ich dann immer noch hier wäre, fände ich das nicht schlecht."

Preisverleihung am 11. Juli, 11 Uhr, im Konzertfoyer des Schweriner Theaters

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen