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Grass trommelt gegen Israel

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erstellt am 04.Apr.2012 | 07:42 Uhr

berlin | Das Urteil fällt harsch aus. Es hagelt Kritik. Die Welle der Empörung ist groß. Heftige Vorwürfe gegen Günter Grass und sein Gedicht "Was gesagt werden muss ", in dem der Literaturnobelpreisträger Israel vorwirft, den Weltfrieden zu gefährden. "Peinlich", "unverantwortlich", "irritierend", "geschmacklos", "unangemessen", "krank" - so die Reaktionen auf Grass’ Kritik an Israel und seiner atomaren Streitkraft. "Ein aggressives Pamphlet der Agitation", schimpft Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der nicht gerade für deutliche Worte bekannt ist. Und Israels Botschafter warf dem deutschen Schriftsteller Antisemitismus vor. "Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen", erklärte der Gesandte der Botschaft, Emmanuel Nahshon, in Berlin.

Grass unter massivem Beschuss - dass ausgerechnet er Israel angreift, der sich erst 2006 dazu bekannt hatte, in der Zeit des Nationalsozialismus selbst im Alter von 17 Jahren in der Waffen-SS gedient zu haben, dies jahrzehntelang verschwiegen hatte, stößt im politischen Berlin auf großes Unverständnis. "Seinem Gedicht liegt große Unwissenheit zugrunde", erklärte Reinhold Robbe, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, gestern im Gespräch mit unserer Redaktion (siehe links). Er setze das demokratische Israel mit der iranischen Diktatur gleich und bemühe sich gar nicht erst um Differenzierung. "Das ist ärgerlich, enttäuschend, sonderbar und lächerlich."

Lange Zeit hatte sich Grass nicht mehr öffentlich zu Wort gemeldet, nicht in die politischen Debatten eingemischt. Jetzt, auffällig unmittelbar vor dem jüdischen Pessach-Fest, veröffentlichte er seinen Text, der sich von einem lyrischen Text stark unterscheidet, im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und anderen internationalen Blättern. "Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?", heißt es da. Und weiter: "Weil gesagt werden muss, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir - als Deutsche belastet genug - Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre." Ein Angriff des 84-Jährigen auf Israel, eine Warnung vor einer Apokalypse.

Der Sturm der Kritik an dem Autor des Welterfolgs "Die Blechtrommel" oder "Der Butt" ließ nicht lange auf sich warten. Auffällig: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wollte sich nicht zu Grass’ literarischer Abrechnung mit Israel äußern. Regierungssprecher Steffen Seibert verwies auf die Kunstfreiheit und die Freiheit der Kanzlerin, "sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen". 2006, als Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannte, hatte Merkel den Schriftsteller noch deutlich kritisiert.

Einer der wenigen Grass-Verteidiger, die sich gestern zu Wort meldeten, dürfte Norbert Nieszery, SPD-Fraktionschef im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, sein. "Der reflexartig erhobene Vorwurf des Antisemitismus gegen jeden, der Israel kritisiert, ist intellektuell erbärmlich und politisch unredlich", ließ Nieszery via Pressemitteilung wissen. Dieser Reflex sei so stark "im deutschen Schultkult" verankert, dass auch Grass’ deutliches Bekenntnis zu Israel von derlei Kritikern schlicht ignoriert werde, schreibt Nieszery und verfällt damit selbst in neonazistische Sprachbilder. Wer, wenn nicht ein großer Dichter unserer Zeit, soll denn sonst mahnend gegen den Zeitgeist aufbegehren, fragt Nieszery. Der Appell von Grass stehe in einer klaren humanistischen Tradition, findet der Sozialdemokrat und zollt dem Schriftsteller seinen "ganzen Respekt". Nieszery: "Ich verstehe nicht, warum es heute immer noch nicht möglich ist, Kritik an Israel zu üben, ohne dafür mit der Antisemitismuskeule verdroschen zu werden und ein entsetztes Aufheulen der vermeintlichen Gutmenschen zu provozieren." Grass hatte in der Vergangenheit die SPD unterstützt, für den früheren Bundeskanzler Willy Brandt Wahlkampf gemacht, später auch Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat unterstützt, war erst 1982 in die Partei eingetreten und zehn Jahre später aus Enttäuschung über die Zustimmung zum Asylkompromiss wieder ausgetreten. 2007 bescheinigte er Merkel gute Arbeit als Kanzlerin der großen Koalition und durfte sich über die Glückwünsche der Regierungschefin zu seinem 80. Geburtstag freuen.

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