zur Navigation springen

Premiere im E-Werk : Geschichte als Farce

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heiner Müllers „Germania. Tod in Berlin“ hatte Premiere im Schweriner E-Werk

Auf der Bühne Streit und Metaphern über Vorgänge „im Juni, den schwarzen Monat“. Und Ordnungshüter agieren als Clowns. Offenlegung existentieller Widersprüche in „Duelle“ und „Kentauren“. Das gehörte in Christoph Schroths packender Inszenierung zu den „Entdeckungen DDR-Dramatik“, die Schwerins Publikum gedanklich erfrischten. Im Februar 1988. Als der Autor Heiner Müller hier auch noch Teil V seiner „Wolokolamsker Chaussee“ über die Vorgänge 1968 in der CSSR und deren Folgen las, bislang tabu, und mit Zuhörern debattierte, da herrschte Theaterhochspannung des Subversiven.

Auf diesen Level kommt Müllers Crash-Historie „Germania. Tod in Berlin“ zeitbedingt nicht mehr, auch wenn sie in der Regie von David Czesienski im Schweriner E-Werk mit einem Wolokolamsker Monolog beginnt. Doch es ist noch immer herausfordernd, wie Müller, geistiger Pathologe vor der „Wunde Deutschland“, in seinem dramatischen Labor sprachmächtig mit Figuren, Bruchstücken und Geistern deutscher Geschichte experimentiert, deutschen Wahn karikiert bis zum Absurden und deutsche Utopie implodieren lässt. In einer anachronistischen Collage zwischen Vorzeiten und 17. Juni 1953 samt DDR-Alltag, mit Preußen-Friedrich II., Hitler, Goebbels, Stalin und Nibelungen. Starker Premierenbeifall.

„Das Stück“, hat Müller erklärt, „war eine Polemik gegen das offizielle Geschichtsbild in der DDR.“ Mit deren Untergang ging die Sprengkraft verloren. Geblieben ist Müller-Material für Müller-Insider, die sich der Müller-Blüte erinnern, auch mit neuen Lesarten. Egal, ob da alles zu entschlüsseln ist. Der Collage des Autors folgt Czesienski mit einer Collage komödiantischer Mittel, mit Kommentaren, Ausstiegen und Brüchen im Spiel und, ganz im Sinne Müllers, voller kabarettistischer und grotesker Akzente. Nur eingangs, im Gefängnis und zum Berlin-Finale, geflutet vom Klang aus „Götterdämmerung“, setzt er auf den so schonungslosen wie nachsinnenden Müller-Sound. Ansonsten lassen die Szenen an Marx denken: Die Geschichte ereignet sich zweimal, einmal als Tragödie und das andere Mal als Farce. Hier wird das andere Mal aufgedreht bis zur Clownerie.

Nur fünf Darsteller, da wird eine Figur manchmal eine andere nach nur drei Worten oder durch rasch gewechselten Hut. Brit Claudia Dehler, Lucie Teisingerova, Bernhard Meindl, Özgür Platte und Kai Windhövel, die auch noch die mobile Werkstatt-Bühne samt Stalinbild von Lucie Hannequin bewegen, sind mit Spieltrieb vehement, deftig, ironisch, marionettenhaft, turbulent, lapidar, kantig. Doch sie können meist nur Blitzlichter zeigen. Damit wird die Dialektik in Müllers bitterer Weltsicht durchs Whiskyglas nicht immer erhellt. Hier ereignet sich eben auch die „Germania“-Geschichte als „das andere Mal“.  

Termine. 9. 5., 19.30 Uhr, 17. 5., 18 Uhr, im E-Werk. Karten: (0385) 5300123; kasse@theater-schwerin.de


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen