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Kleine Bühnen : Freie Theater – nicht ganz frei

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Auch kleine Bühnen schwimmen nicht im Geld. Doch selbst mit wenig Subventionen bringen freie Theater oft große Kunst unter die Leute

Wenn Willi und Maren Winter aus Cronskamp bei Güstrow die Puppen tanzen lassen, verzaubern sie Groß und Klein. In dem Bühnenstück „Eine Hand voll Drachenfeuer“ sucht ein tapferer Ritter das Feuer des von den Menschen vergessenen Fabelwesens. „Wir sagen immer, was wir sagen wollen, niemand nimmt darauf Einfluss“, betont Willi Winter, freier Kabarettist.

Doch die Freiheit habe ihren Preis. „Wir sind auch Überlebenskünstler.“ Fördergeld vom Land sei schwer zu bekommen, nur „Leuchtturm-Projekte“ würden bezuschusst, sagt die Puppenspielerin Maren Winter. Neuinszenierungen seien Luxus, betonen die selbstständigen Theaterleute. Doch trotz Geldnot führen sie mit Leib und Seele ihre selbst geschriebenen Geschichten mit Puppen aus der eigenen Werkstatt auf.

„Moral und Werte werden von den Geschichten aus der Kindheit geprägt“, ist Maren Winter überzeugt. Vor allem Kinder vom Lande kämen fast nie in ein Museum oder Theater. Freie Künstler sollten hin zu den Leuten, betonten Winters. Sie spielen in Kulturhäusern, Bibliotheken, Schulen, Kindergärten und für Touristen an der Ostsee. Auch Lücken der vom Sparzwang gebeutelten großen Bühnen sind zu füllen, etwa durch Auftritte auf der ausgegliederten Puppenbühne des Staatstheaters Schwerin.

Freie Theater müssen den Spagat schaffen zwischen der eigenen Bühnenarbeit und regelmäßigem Einkommen durch soziale Projekte, sagt Christiane Bastian, Geschäftsführerin des Landesverbandes Freier Theater in Waren. Im Verband sind 22 der 45 freien Theater des Landes organisiert. Die Mitglieder zählen mehr als 96 000 Zuschauer im Jahr in MV und mindestens 26 000 Gäste bei Gastspielen in anderen Bundesländern. „Die meisten Theater gehen an ihre Leistungsgrenze“, schätzte die Verbandschefin ein.

Das Problem vieler seien die zu geringen Gagen im Nordosten. Antragsverfahren für Fördermittel seien zu bürokratisch. „Dieser Papierkrieg ist nicht praktikabel für kleine Bühnen mit ein, zwei freischaffenden Künstlern.“

Laut Schweriner Kultusministerium ist eine finanzielle Beteiligung der Kommunen Voraussetzung für Landeszuwendungen. In den Genuss solcher Zuschüsse kamen in den letzten Jahren nur sieben freie Theater im Land, darunter das Kulturgut Schloss Bröllin bei Pasewalk sowie in Rostock die Compagnie de Comédie und das Jüdische Theater Mechaje.

Nur die beiden Rostocker Bühnen erhielten außerdem Fördergeld. Martina Witte, Direktorin der 1991 gegründeten Compagnie de Comédie, bezifferte die Landeszuschüsse auf 75 000 Euro und die der Stadt Rostock auf 143 000 Euro pro Jahr bei einem Gesamtetat von 490 000 Euro. Trotz relativ guter Bedingungen: „Nach oben bleibt kein Puffer, einen künstlerischen Flop kann man sich als freies Theater nicht leisten.“ Gespielt werde daher stets mit kleinstmöglicher Besetzung und minimalistischen Bühnenbildern. Rund 18 000 Euro stehen für die Ausstattung von sechs neuen Produktionen je Spielzeit zur Verfügung, sagte Witte.

Die Vorteile des freien Gestaltens, des flexiblen Spielplans und der variablen Themenauswahl will jedoch keins der Freien Theater missen, meinte Witte, die auch Vorsitzende des Landesverbandes ist. So könnten die freien Puppenspieler und Theaterleute ihre Kunst bis ins kleinste Dorf bringen, sagte Verbandschefin Bastian. Die großen Theater seien doch nur noch für jene da, die sich teures Theater leisten können, meinte sie.

Die Freien spielen auch an sozialen Brennpunkten, greifen Probleme auf wie Armut, Extremismus oder Schwierigkeiten in Schule und Familie. Solche Stücke aber seien kaum förderfähig, weil sie laut Richtlinien nicht von überregionaler Bedeutung seien, kritisierte Bastian. „Auf dem Lande muss mehr passieren, mit kontinuierlicher kleiner Kulturarbeit.“

Humorvoll nehmen es die Brüder des Comedy-Duos „Schmidt & Schmidt“ aus Thulendorf bei Rostock. „Wir glauben, jeder sollte mal über uns gelacht haben“, heißt es im Internet. „Andererseits nehmen wir uns aber auch nicht so wichtig. Die Lücke, die wir eines Tages hinterlassen, wird uns vollkommen ersetzen.“


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