zur Navigation springen

Schwerin : Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern eröffnet

vom

svz.de von
erstellt am 07.Mai.2014 | 12:00 Uhr

Das 24. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern hat am Dienstagabend in Schwerin begonnen. Als Eröffnungsfilm stand die deutsch-türkische Komödie „Einmal Hans mit scharfer Soße“ von Regisseur Buket Alakus auf dem Programm. Die Türkei ist das Gastland des diesjährigen Filmkunstfestes.Bis zum Sonntag werden im Festivalkino Capitol 87 Filme gezeigt, davon 40 in drei Wettbewerben. Daneben gibt es Ausstellungen, Lesungen und Konzerte. Unter anderem greifen Schauspieler Axel Prahl und Regisseur Andreas Dresen zu Gitarre und Mikrofon. Die Veranstalter erwarten zu insgesamt 127 Veranstaltungen mehr als 14 000 Besucher.Um den mit 10 000 Euro dotierten Hauptpreis „Der fliegende Ochse“ konkurrieren zehn Spielfilme. Mit dem deutsch-norwegischen Roadmovie „Nordland“ ist eine Weltpremiere angekündigt. Von Volker Schlöndorff ist das deutsch-französische Weltkriegsdrama „Diplomatie“ im Rennen, das bereits auf der Berlinale zu sehen war. Drei Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erzählen Migrationsgeschichten. Die israelische Regisseurin Ester Amrami ist mit ihrem Debütfilm „Anderswo“ vertreten, einer israelisch-deutschen Beziehungsgeschichte um Fernweh, Familie und Identitäten.Im Kurzfilmwettbewerb laufen 20 statt bisher 10 Produktionen. In dieser Kategorie wird eine mit 4000 Euro dotierte Auszeichnung vergeben. Im Dokumentarfilmwettbewerb beträgt das Preisgeld 5000 Euro.Stargast des Festivals ist die Schauspielerin Hanna Schygulla (70).

Ihr ist eine Hommage-Filmreihe gewidmet. Gezeigt wird dabei auch die neue französische Dokumentation

„Quelque soit le songe“ (Was immer der Traum sei) von Anne Imbert über Hanna Schygulla. Der Streifen wird am Freitagabend als deutsche Erstaufführung präsentiert. Am Abend darauf wird Schygulla bei der Preisgala den Ehrenpreis des Festivals, den „Goldenen Ochsen“, für ihr Lebenswerk überreicht bekommen.

Neun Filme – neun Meinungen

Die Beiträge des Spielfilmwettbewerbs beim 24. Filmkunstfest MV aus ganz persönlicher Sicht:

Zeit der Kannibalen - Böse, böse, böse (von Max-Stefan Koslik)

Wer den  netten   Devid Striesow einmal als bösen, bösen  Fiesling erleben will,  ist bei  Johannes Nabers „Zeit der Kannibalen“ genau richtig. Die zynischen Sprüche in dem brillanten Konversationsstück sind köstlich ostfeindlich,  frauendiskriminierend und  grotesk menschenverachtend.

 Richtig, es geht um Unternehmensberater. Frank Öllers (Striesow), Kai Niederländer (Sebastian Blomberg)  und Bianca März (Katharina Schüttler) leben eine Minibarexistenz in Nigeria  und vernichten  Existenzen zur Mehrung des Kapitalismus. „Der Dreck sitzt außen“, sagt der Held beim Blick aus dem Hotelfenster, und meint  nicht nur die verschlierte Scheibe.  Doch der Dreck sitzt innen. Ein Kammerstück. Unterhaltsam, komisch, abgründig. Selbstzerstörung auf Außenposten.

Poka - Komisches Land (von Katja Haescher)

In den ersten Sequenzen sieht Anna Hoffmanns Film wie ein realsozialistisches Alltagsheldenepos aus. Ist es aber nicht. Immer, wenn ein Klischee droht,   folgt etwas Neues. Vor allem eine klug erzählte Geschichte: davon, wie es ist, als Deutscher in Kasachstan zwischen den Stühlen zu sitzen. Von der Sehnsucht nach der Heimat der Vorfahren und einem besseren Leben. Von Georgs und Lenas Liebe in einem deutschen Alltag, in dem das Ehebett in der Turnhalle steht.

Die Regisseurin  zeigt mit einem guten Blick fürs Detail, dass sie von Haus aus Dokfilmerin ist. Zwei überzeugende Hauptdarsteller tragen die Handlung, in der Gewohntes manchmal lächerlich, manchmal grausam, manchmal wundervoll scheint. „Ist schon ein komisches Land“, sagt Lena nach den ersten Wochen in Deutschland. Stimmt.

Anderswo - Fremde Heimat (von Ingo Gräber)

Wo bin ich zu Hause? Glücklich, wer diese Frage  beantworten kann. Noa kann es nicht. Das Studium lockt die resolute Israelin nach Berlin, macht sie frei und glücklich. Doch nun holpert es – im Alltag, im Studium, in der Liebe. Noa flieht in die alte Heimat, aber der spontane Kurz- wird zum Höllentrip. Die geliebte Großmutter stirbt, Familienkonflikte kochen hoch, und als ihr deutscher Freund Jörg bei der Flughafenpolizei landet, nimmt das Chaos seinen Lauf. Hilft alte Heimat vor neuen Problemen?

Auf jeden Fall wird es nicht leichter, wenn  zudem zwei Kulturen aufeinanderprallen. Am Ende starten  brillante Schauspieler in Ester Amramis Film  den tragikkomischen Versuch, mit sich selbst und den anderen ins Reine zu kommen. Ein unendliches Unterfangen. Hier. Und anderswo.

Fräulein Else - Der innere Tiger (von Holger Kankel)

„Wie wäre das, wenn ich mich heute   für dich versteigere, Papa?“ Papa fände das klasse, denn er ist pleite und stürzt Else damit in jenes moralische  Dilemma, das Arthur Schnitzler in seiner  Novelle „Fräulein Else“ so  psychologisch wie erotisch raffiniert abgeschmeckt hat.

Regisseurin Anna Martinetz hat die Handlung in ein exquisites nordindisches Hotel transferiert. Für die existenzielle Notlage ihrer  Heldin findet sie betörende  Bilder – gefilmte Seelenlandschaften, nebelverhangene Parks und reale Aufnahmen indischen Alltags, durch die  Else (Korinna Kraus) wie eine somnambule Fee wandelt und ihren inneren Tiger zu zähmen versucht. Klassische Musik trifft auf Bollywood, Schnitzlers hohe Theatersprache auch  im 21. Jahrhundert noch den Ton. Und der  Pakt mit dem Geld  ist alt und – unkündbar?

Nordland - Leicht überfordert (von Karin Koslik)

Warum  sprechen  viele Norweger  so  gut   englisch?   Weil  man dort   ausländische  Filme  fast nur  in der Originalsprache ausstrahlt, anstatt  sie  wie  bei  uns  zu   synchronisieren.

Schieben  wir  es also    auf  hiesige  Sehgewohnheiten, dass ein   Film, in  dem   nur  anfangs  einige  deutsche   Sätze  gesprochen   werden,  das  Publikum hier  leicht  überfordern dürfte,  selbst  wenn  es   gut   englisch   spricht.   Zum  Glück wird  in  dem deutsch-norwegischen Roadmovie   generell  nur  wenig gesprochen:  Elenis  Reise  ins  Örtchen Å auf  den Lofoten lebt   vor  allem  von den spektakulären  Bildern  der   zerklüfteten  Küste.  Und die   zieht  Jahr  für  Jahr  auch  tausende deutsche  Touristen  in  ihren  Bann.  Die  dann   dort,  wie  Eleni,   auf  englisch  mit   jedem   ins  Gespräch   kommen  können.  Authentisch  ist  „Nordland“  also allemal.

Viktoria - Den Blick öffnen (von Heidi Lohse)

Viktoria lebt mit ihrer Familie in Budapest. Ihr Alltag ist mühselig. Mit der Arbeit als Prostituierte im reichen Zürich will sie sich ein kleines Vermögen schaffen. Die Handlung steigert sich allmählich und beleuchtet die verschiedenen Seiten des „Ältesten Gewerbes“.

Da sind die Frauen mit ihren Hoffnungen, Zuhälter in ihrer Skrupellosigkeit, die Hilflosigkeit der Helfer, die verschiedenen Freier. Der Film berührt, weil er den Blick öffnet. Wie leben Prostituierte in unserer Gesellschaft? Der Titel „Viktoria – A Tale of Grace and Greed“ hat sich für mich nicht erschlossen. Dagegen stören die Untertitel in dem fast durchweg ungarisch gesprochenen Film kaum. Hauptdarstellerin Franciska Farkas spielt die Rolle der Viktoria hervorragend.

Jack - Einsam und stark (von Angela Hoffmann)

Jack ist zehn Jahre alt – und schultert bereits die ganze Verantwortung für seine Familie.  Seine alleinerziehende Mutter liebt ihn und seinen kleinen Bruder, ist jedoch jung, naiv und gefährlich sorglos. Als sie eines Tages nicht nach Hause kommt, ziehen die beiden Kinder los, um sie zu suchen. Die Jungen haben keinen Wohnungsschlüssel und irren allein durch Berlin, Tag und Nacht. Am Ende der Odyssee trifft Jack  eine  sehr erwachsene Entscheidung.

 „Jack“ ist ein  starker  Film über einen einsamen  Jungen, der über sich hinauswachsen muss. Die positive Kraft  des Zehnjährigen dominiert die traurige Geschichte. Hauptdarsteller Ivo Pietzcker spielt überragend. Eindringlich, lakonisch, berührend: Ein Film, der ans Herz geht und der noch lange nachwirkt.

Risse im Beton - Brutale Realität (von Nadja Hoffmann)

Mikail hat einen Traum. Den Traum, von der Straße wegzukommen. Den Traum von einem besseren Leben. Doch dafür bringt sich der Fünfzehnjährige immer wieder in Schwierigkeiten, verkauft Drogen und lässt sich mit den falschen Leuten ein. Der Junge ist auf dem besten Weg, dieselben Fehler wie sein ihm unbekannter Vater Ertan  zu machen, der wegen Totschlags  zehn Jahre im Gefängnis saß.  Was Mikail nicht weiß: Sein Vater ist wieder zurück im Viertel  und versucht, ihm zu helfen. Als Mikail von Ertan erfährt, beginnen sich die Ereignisse  zu überschlagen. „Risse im Beton“ ist ein packendes Vater-Sohn-Melodram, das die Brutalität der Straße widerspiegelt und auf einen ergreifenden Schluss zusteuert. Jedoch nicht ohne ein Gefühl, das alles irgendwie schon einmal gesehen zu haben.

Familienfieber - Der Zauber ist weg (von Silvia Müller)

Ist es ein Zeichen von großer  Liebe oder der Anfang vom Ende, wenn Frau und Mann sich  zusammen im Bad die Zähne putzen? Wo das hinführen kann, zeigt   anschaulich die   Ehe von Maja und Uwe. Sie spült nicht nur seine Hinterlassenschaften in der Toilette hinunter, sondern geht auch noch fremd. Alltägliche Szenen einer Ehe. Tochter Alina hat noch ganz andere Sorgen: Sie will den Eltern ihren  Freund Nico samt Familie vorstellen – aus guten Gründen. In ländlicher Idylle  gibts dann eine  Überraschung: Nicos Vater ist Majas Affäre…

Ein wunderbar leichter, komischer wie tiefsinniger Film über das Einfache, das doch so schwer zu meistern ist: die Liebe vor dem Alltagstrott und den Respekt voreinander zu bewahren.

 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen