Mecklenburg-Vorpommern : Festspiele sind ein Maßstab für die Branche

<fettakgl>Gegenwart und Zukunft der Festspiele: </fettakgl>Markus Fein übernimmt 2014 die Intendanz von Matthias von Hülsen (v.l.)<foto>Festspiele</foto>
Gegenwart und Zukunft der Festspiele: Markus Fein übernimmt 2014 die Intendanz von Matthias von Hülsen (v.l.)Festspiele

Eine Analyse: Wie in MV steht beim Schleswig Holstein Musik Festival ein Intendantenwechsel an - aber die ostdeutsche Klassikveranstaltung ist schon heute innovativer als ihr einstiges Vorbild.

svz.de von
20. März 2013, 10:01 Uhr

Schwerin | Ob Matthias von Hülsen die Fahrt nach Rügen auch mit ein wenig Wehmut angetreten hat? Immerhin ist der am Freitag dort begonnene "Festspielfrühling" zugleich auch der Auftakt zu seinem letzten Jahr als Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (FMV) - nach mehr als zwei Jahrzehnten, die der ehemalige Hamburger Kinderarzt das von ihm gegründete Festival in führenden Positionen geprägt hat. Und doch schätzt sich der FMV-Chef nun "sehr glücklich", die Führung des drittgrößten deutschen Klassik-Festivals ab 2014 Markus Fein übergeben zu können. Schließlich hat von Hülsen lange verfolgt und mit wachsender Begeisterung beobachtet, wie innovativ, originell und anregend Fein über ein Jahrzehnt die Sommerlichen Musiktage Hitzacker und parallel dazu die letzten fünf Jahre bis 2011 auch die Niedersächsischen Musiktage geleitet hatte. Und auch der 41-jährige Musikwissenschaftler zeigt sich begeistert beim Blick nach vorn: "Dieses Bundesland ist so wunderschön, die Künstler selbst kommen so gern hierher, und eben diesen Aspekt, mit den Musikern gemeinsam ganz spezielle Projekte auf die Beine zu stellen, den möchte ich gern noch stärker in den Vordergrund rücken."

Ein Generationswechsel steht fast zeitgleich auch beim benachbarten Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) an. Dort löst der 46-jährige Christian Kuhnt am 1. Oktober den langjährigen Intendanten Rolf Beck ab. Und doch könnten die Startbedingungen für die einstigen Studienkollegen Fein und Kuhnt unterschiedlicher kaum sein: Während von Hülsen mit Blick auf seinen 70. Geburtstag in diesem Jahr von sich aus die Zepterübergabe betrieben hat, soll Beck trotz seiner 69 Jahre mit einer nochmaligen Vertragsverlängerung geliebäugelt haben. Wo von Hülsen selbst seinen Nachfolger vorschlug, klingelte der SHMF-Stiftungsrat Musikmanager in der halben Republik von Leipzig bis Bonn an - um am Ende bei Kuhnt zu landen. Während Fein den Festspiel sommer 2013 nutzen kann, um sich vor Ort ein möglichst intensives Bild zu machen und die Menschen kennenzulernen, heißt es aus SHMF-Kreisen, dass Kuhnt wohl kaum glücklich sein werde angesichts der Festival-Situation, die ihm sein Vorgänger hinterlässt.

Denn der Glanz der Anfangsjahre unter SHMF-Gründer Justus Frantz ist längst verblichen und mit diesem auch die überregionale Präsenz, viele der ehrenamtlichen Beirats-Helfer in den Spielorten fühlen sich von Beck vor den Kopf gestoßen, das Verhältnis zur Landesregierung ist seit Jahren nicht allein wegen der Kürzungen der öffentlichen Gelder gestört, die 1996 vom damaligen Intendanten Franz Willnauer ersonnene Idee der Länderschwerpunkte wirkt mittlerweile totgespielt, und es fehlt ein eigenes (dramaturgisches) Profil jenseits einer Ansammlung (hochkarätiger) Konzerte.

Ganz anders die Situation in Mecklenburg-Vorpommern: Dort "arbeiten ein sehr engagierter Förderverein und die Stiftung tagtäglich an einer permanenten Bindung des Publikums zu den Festspielen", wie Fein beobachtet hat. Ministerpräsident Erwin Sellering ist nicht nur Schirmherr, sondern wird wie viele andere Landespolitiker nicht müde, die Festspiele tatkräftig zu propagieren. Vor allem aber trumpft auch das FMV-Team alljährlich mit neuen Ideen auf: Themenschwerpunkte wie "Künstlerstätten in MV" oder die "Komponierten Landschaften", die vom künstlerischen Direktor Daniel Hope inspirierten "Brückenschläge nach Amerika" oder auch die "Sleeping Beauties" mit außergewöhnlichen Spielstätten. "Mich reizt es, diesen Charakter noch weiter auszubauen, das Konzerterlebnis noch spezifischer zu machen", sagt Fein: "Früher haben herausragende Darbietungen mit besonders tollen Künstlern gereicht, doch inzwischen spielt eine Anne-Sophie Mutter eben überall - was macht dann also die Spezifik eines Musikfestivals aus?" Und gibt die Antwort: "Im Kontext eines Festivals bieten sich ganz andere Formen, Musik zu erleben, das Konzert selbst neu zu denken und mit neuen Impulsen auszustatten."

Beim SHMF gehört der Aufbruch der Vergangenheit an. Kein Wunder, dass denn Fein mit Blick auf eine mögliche Konkurrenz zwischen den beiden Musiksommern selbstbewusst feststellt: "Ich mache mir gar nicht so viele Gedanken über das SHMF, weil die Festspiele eine ganz eigene Identität haben - und diesen eigenen Weg werden wir weiter entwickeln."

Zumal sein künftiges Festival längst über die Landesgrenzen hinausstrahlt, mehr als 50 Prozent der Besucher aus anderen Bundesländern kommen - und die Festspiele dennoch tiefer in der Region verwurzelt sind als das SHMF: Setzen die Macher doch hier schon seit Jahren auf lokalen Bezug mit Reihen wie "Musik aus MV" oder auch der "Ludwigsluster Klassik". Wunderbar sei dieser Gedanke, , befindet Fein: "Orte, Geschichten, Menschen, Landschaften oder ähnliche Besonderheiten des Landes aufzugreifen - und eben nicht nur Agenturware, die überall auf der Welt gespielt werden kann."

Mag einst das westdeutsche SHMF den ostdeutschen Festspielen Aufbauhilfe geleistet haben, so könnten künftig die Impulse für Schleswig-Holstein aus Mecklenburg-Vorpommern kommen.


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