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Es geht um die Zuschauer

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erstellt am 24.Okt.2012 | 06:19 Uhr

Die Muster gleichen sich bei jeder Reform: Sobald die Fakten auf dem Tisch liegen, wird von manchem Betroffenen weniger über die Lösung der Probleme als darüber diskutiert, wie man die Fakten wegdiskutieren kann - ganz so, als ob sich die realen Probleme damit aus der Welt schaffen ließen. So war es damals bei der Hochschul- und der Kreisgebietsreform - und so ist es heute auch bei der Theaterreform. Damit die Fakten nicht in Vergessenheit geraten:

1. MV hat durch den bundesweiten Finanzausgleich zur Finanzierung aller öffentlichen Leistungen etwa ebenso viel Geld wie die anderen Bundesländer.

2. MVs Theater erhalten vom Land sowie den kommunalen Trägern im Schnitt jedoch etwa doppelt so viel Geld wie Theater in vergleichbaren Ländern z.B. in Bayern, Hessen oder Schleswig-Holstein.

3. Die doppelt so hohe Förderung von Kunst und Kultur in MV ist politisch gewollt und soll auch erhalten bleiben, kann aber nicht zu Lasten anderer Politikbereiche auf das Drei-, Vier- oder gar Fünffache anwachsen. Genau dies würde jedoch geschehen, wenn die Zuschüsse bei sinkender Einwohnerzahl dauerhaft ansteigen würden.

4. Den Theatern gelingt es auf sehr unterschiedliche Weise, zu ihrer Finanzierung selbst beizutragen. Die Einnahmequoten schwanken bei den Standorten zwischen weniger als 10 Prozent und mehr als 20 Prozent. Warum eigentlich?

5. Die Theater werden von den Zuschauern sehr unterschiedlich in Anspruch genommen. Beispiel Oper: Schwerin hat jährlich 42 000 Zuschauer, Rostock nur 7000, Greifswald/Stralsund nur 6000 und Neubrandenburg/Neustrelitz nur 3000.

Die Metrum GmbH hat aus dieser Lage die meines Erachtens einzig sinnvolle Schlussfolgerung gezogen: nicht die einzelnen Theaterstandorte, sondern landesweit die Zuschauer sowie die Qualität des Angebots in den Vordergrund zu rücken. Was das konkret bedeutet, lässt sich an dem Modell 6 gut demonstrieren, das Intendant Kümmritz präferiert, dem "Staatstheater Mecklenburg". Derzeit gibt es in Schwerin jährlich vier Opern-Neuinszenierungen, in Rostock drei. Künftig würden jährlich gemeinsam vier Opern neu inszeniert und sowohl in Rostock als auch Schwerin aufgeführt. Aus Sicht der Zuschauer ergäbe sich keine Verschlechterung, in Rostock sogar eine Verbesserung!

Das Modell funktioniert allerdings nur, wenn neue Wege in der Zusammenarbeit beschritten werden - im Interesse des Publikums. Wenn Orchester, vielleicht sogar ganze Theater fusionieren, braucht man auch weniger Intendanten, Geschäftsführer und Generalmusikdirektoren. Das ist letztlich der entscheidende Punkt: Verbarrikadieren sich die Theater sowie deren Träger hinter den jeweiligen Stadtmauern und sind nicht zur Zusammenarbeit bereit, werden alle gleichermaßen darunter leiden. Schließen sie sich hingegen im Interesse der Zuschauer sowie von Kunst und Kultur zusammen, ist eine Reform auch ohne substanziellen Kulturverlust für das Publikum möglich. Jeder Bürger muss in unserem Land möglichst wohnortnah eine Oper besuchen können. Aber muss diese Oper dazu auch zwingend vor Ort produziert worden sein? Und ja: Für das Personal wird es zum Teil aufwändiger, zum Beispiel durch Fahrten zwischen den Standorten. Aber dies geschähe nicht als Selbstzweck, sondern im Interesse des steuerzahlenden Publikums, im Interesse qualitativ ansprechender und wohnortnaher Angebote.

Eine sachgerechte Theater- und Orchesterreform ist also, wie auch bei den Hochschulen oder der Kreisgebietsreform, prinzipiell möglich. Die einzige Voraussetzung hierfür ist nicht mehr als die Bereitschaft der Entscheidungsträger, gemeinsame Wege zu gehen. Damit dies gelingen kann, darf nicht länger der eigene Standort, sondern müssen landesweit die Zuschauer sowie die Qualität der Angebote ins Zentrum der Debatte rücken.

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