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Festspiele MV : Empfindsamkeit und Lebenslust

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sol Gabetta mit Kammerorchester Il Giardino Armonico bei den Festspielen MV

Die Sonne am Sonntag war zögerlich. Um so generöser Sol namens Gabetta mit dem Kammerorchester Il Giardino Armonico in der Heiligen-Geist-Kirche zu Wismar. Unter der musikalischen Sonne der argentinisch-französischen Cellistin russischer Abstammung und des internationalen, von Giovanni Antonini italienisch inspirierten Ensembles schießt im „harmonischen Garten“ Barockmusik auf und entfaltet prächtige Formen und Farben. Glänzendes Gastgeschenk des Schleswig-Holstein Musik Festivals an die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Unter der akustikfreundlichen, barock bemalten Kirchendecke, die älter ist als alles, was hier auf historischen Instrumenten an Alter Musik belebt wird und näher klingt als so manche getüftelte Klangfläche der Gegenwart.

Schon eingangs bei der Sinfonie F-Dur von Wilhelm Friedemann Bach (1710 - 1784) bauen die Musiker nach einem Akkord-Schlag spannende Motivwellen und dynamische Kontraste auf, die sprühend, differenziert und tänzerisch Rhetorik und Affekte barocker Musik freisetzen voller Frische. Und beim Konzert für Violoncello und Orchester A-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 - 1788) wird spürbar, dass hier Gemütszustände klingen. Johann Sebastian Bachs zweiter Sohn, dessen Ideal in seiner Hamburger Zeit gemeinsam mit dem Dichter Klopstock übrigens eine Republik des Geistes und der Kunst war, dieser Sensualist meinte: Das künstlerische Ich müsse die Welt an seinen Regungen teilhaben lassen, damit sich die Empfindung mitteile.

Das trifft sich nun hinreißend mit der Musizierhaltung von Sol Gabetta. Auf die Frage, ob Klang eine Seele habe, antwortete sie einmal: „Wenn ich spiele, meine.“ So verbindet die Virtuosin im attraktiven sommerlichen Gewand Bachs Leidenschaften mit ihren, lässt sie auf einem Guadagnini-Instrument von 1759 beglückt singen, erlöst schweben, lebenslustvoll artikulieren.

Was der Komponist der „Empfindsamkeit“ im Largo ausdrückte, das berührt mit Gabettas schmerzlicher Versunkenheit aufs Innigste. Wunderbare Kantilene mit emotionalem auf und ab in der Kadenz. Und explosiv dann das Allegro assai, in dem die musikalischen Figuren von unbändiger Spielfreude getrieben werden. Sol Gabetta singt nicht nur mit dem Cello, sie erzählt mit südländischem Temperament Komödien und Dramen.

Sie ist herausfordernde Partnerin für Flötist und Streichersolist im Konzert a-Moll für Blockflöte, Viola da gamba und Orchester von Georg Philipp Telemann (1681-1767), das enorm straff zur musikalischen Dialog-Kunst wird.

Giovanni Antonini, jubilierend auch mit der Blockflöte, gibt mit seinem hochgespannten Ensemble den Brandenburgischen Konzerten Nr. 3 und 4 von Johann Sebastian Bach (1685 -1750) mit glitzernden Facetten den Schliff zweier Musik-Brillanten. Heiterkeit, Grazie, Formenspiel werden im kontrapunktischen Wettstreit der Stimmen aus körperlicher Erregung mit Drive musiziert. Beim Finale mit dem 3. Konzert sprühen gleichsam Klang-Fontänen. Und Sol Gabetta spielt im Ensemble mit. Auch das charakterisiert den Geist dieser Energie-Musikanten wie das außerordentliche Vergnügen an diesem jugendlichen Barock.



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