Ausstellung über das Schicksal der Josephys : Eine typisch deutsch-jüdische Familie

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Das Rostocker Max-Samuel-Haus stellt in einer Ausstellung das Schicksal der deutsch-jüdische Familie Josephy über drei Jahrhunderte dar und empfängt 50 Nachkommen.

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20. Juli 2012, 11:32 Uhr

Es sind Geschichten, die der Stoff für gleich mehrere historische Romane sein könnten. Doch diese Geschichten hat das Leben geschrieben. Und zum Glück haben Steffi Katschke und Frank Schröder vom Max-Samuel-Haus diese zusammengetragen. Das Schicksal der Familie Josephy über drei Jahrhunderte haben sie erforscht, zahlreiche historische Dokumente, Fotografien, private Gegenstände aufgespürt und Kontakt zu Nachfahren auf der ganzen Welt aufgenommen.

Herausgekommen sind eine Ausstellung, eine umfangreiche Publikation und nicht zuletzt ein Familienporträt. "Die Josephys sind eine typisch deutsch-jüdische Familie", sagt Schröder. Gerade deshalb seien sie so sehr dazu geeignet, die Geschichte eben dieser Bevölkerungsgruppe nachzuzeichnen und erlebbar zu machen. Es ist das größte Projekt in der nunmehr 21-jährigen Geschichte der Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur am Rostocker Schillerplatz.

In Rostock blühte der Handel - bis zum Konkurs 1929

Die ersten Spuren der Josephys finden sich 1714 in Prebberede. Auf dem Gut des Grafen von Bassewitz übernahm Abraham Levy, ein Urahn der Familie, die Käserei. Juden hatten zu dieser Zeit keine Rechte, standen außerhalb der Gesellschaft und konnten sich nicht frei bewegen. 1749 beantragte Moses Abraham einen Schutzbrief beim Herzog, um sich mit seiner Familie in Schwaan niederlassen und dort arbeiten zu können. Mit dem Umzug in die kleine Stadt begann der Aufstieg der Familie, die hier auch zu ihrem Namen Josephy fand. Obwohl eine relative Gleichstellung der Juden erst um 1871 erfolgte, hatten sich die Josephys in Schwaan zu respektablen Bürgern entwickelt.

Sie waren erfolgreiche Geschäftsleute und besaßen mehrere Häuser. Zur Jahrhundertwende wurde es den Getreidehändlern in Schwaan zu eng. Sie siedelten nach Rostock über. Ein Teil der Familie ging in die Schweiz. Hier wurde Gretel Josephy 1913 eine der ersten Frauen, die Naturwissenschaften studierten - ein Semester davon auch an der Rostocker Universität.

In Rostock lebten die Josephys auf großem Fuß, handelten mit Getreide, Dünger, Saatgut und Pferden. Bis die Firma 1929 Konkurs anmeldete und der Inhaber Heinrich Josephy Selbstmord beging. Seine Frau Charlotte zog wenig später mit den gemeinsamen Kindern nach Berlin. Die Zeit des Nationalsozialismus erlebten die Josephys wie viele andere deutsch-jüdische Familien. Während die Jüngeren recht bald ins Ausland gingen, hielt es die Älteren in der Heimat. So konnten Charlotte Josephys Kinder nach England ausreisen, während sie nach einer Bombennacht in den Untergrund ging. Sie legte sich eine neue Identität zu, arbeitete schließlich sogar als Haushälterin bei einem einflussreichen Nazi. Keiner wusste, dass sie noch lebte. Nicht einmal die Kinder.

Die Verfolgung bekamen auch Carmelita und Richard Josephy in Rostock zu spüren. Als Jurist durfte Richard nicht mehr arbeiten. Seine nach dem System der Nazis als so genannte Arierin eingestufte Ehefrau sah sich immer neuen Anfeindungen ausgesetzt, weil sie zu ihrem Mann hielt.

Heute lebt die Familie in sieben Ländern auf der ganzen Welt

Am 11. April 1944 gab es einen Luftangriff. Carmelita und die kleine Dorothea flüchteten in den Luftschutzbunker. Richard durfte als Jude nicht mit ihnen gehen. Aber Carmelita griff noch die Notfalltasche mit wichtigen Dokumenten, die seit den Bombenangriffen von 1942 immer bereitstand. Das Haus der Familie in der Stephanstraße wurde völlig zerstört, Richard starb in den Flammen. Seine Notfalltasche mit den Sparbüchern, einer Geldbörse und einer Taschenuhr blieb erhalten - sie ist Teil der Ausstellung im Max-Samuel-Haus.

Heute leben die Josephys in allen Teilen der Welt - in den USA, Kanada, Costa Rica, Großbritannien, Dänemark, Israel und der Schweiz. Zur Eröffnung der Ausstellung am Sonntag kommen 50 Nachfahren der Schwaaner Josephys nach Rostock zu einem großen Familientreffen.

Frank Schröder und Steffi Katschke wollen mit ihnen zu den Wurzeln ihrer Familie reisen. Auch der 86-jährige Albrecht Josephy, der letzte noch lebende, in Rostock geborene Josephy, wird da sein. Für die Nachkommen der Josephys ist es eine Reise durch elf Generationen ihrer Familie - und für alle Rostocker und Besucher ein spannendes Stück Geschichte.

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