Theater : Ein Wortsprengsatz

„Der Vorname“ von Delaporte und de la Patellière im Schweriner Theater

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16. März 2014, 23:55 Uhr

Wenn Meiers Baby Chantalle heißt, regt sich niemand über Namen-Missbrauch auf. Doch Adolphe! Ausgesprochen klingt das nach dem unsäglichen Adolf. Und das in Frankreich! Adolphe ist der Wortsprengsatz vom werdenden Papa Vincent. Er löst nicht nur politischen Streit aus. Literaturprofessor Pierre ist über den Schwager und dessen Frau empört, seine Gattin Elisabeth genervt, Hausfreund Claude sitzt zwischen den Fronten bis auch er angegriffen wird. In der Runde gerät verbal heftig aus den Fugen, was ein fröhliches Essen in Familie werden sollte. Da liegt dann nicht nur das Couscous auf dem Boden. „Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière – Yasmina Reza und Co. winken – ist Spott aufs Gemetzel. Bei der Schweriner Premiere am Freitag laut gefeiert.

Die Autoren lassen einen Scherz zur Zimmerschlacht eskalieren. Da blüht der Wortwitz, doch eine Salonkomödie der eleganten Töne ist es nicht. Falsche Töne werden entlarvt, Masken fallen. Keine Verletzung bleibt aus, kein Abgrund wird umgangen, aber Versöhnung auch nicht. Das ist komisch und böse zugleich. Es illustriert ein Wort des Theaterweisen George Tabori: „Hinter jedem guten Witz steckt eine Katastrophe.“ Was Henriette Hörnigk bei ihrer Inszenierung antippt, indem im Vorspiel ein Clown agiert.

Hörnigk hat im Rhythmus aus Attacke und Ruhe den Krach quasi dem Leben auf den Leib parodiert. Wie sich jemand mit Getue spreizt, Aggression sich aufschaukelt, Verdächtigung wuchert, Scheinharmonie reißt, das wird in Kampfrunden forciert. Und oft im Presto-Dialog, in dem die Pointen aufschlagen wie Asse beim Tennis. Geht doch noch! Ironie leuchtet szenisch, wenn im Moment des Verschnaufens Vincent von Claude bedrängt wird, Wagners „Tristan“-Motiv erklingt und rosa Wolken am Himmel ziehen. Luftholen ebenso mit Tanzeinlagen. Der internationale Bühnenhit in Schwerin als scharfer Spaß auf einer Kühler-Wohnen-Bühne von Franziska Just, die auch Kostümzeichen setzt.

Es ist Vergnügen am Gift einer Gesellschaftskomödie, auch wenn sie mitunter zur flachen Comedy abrutscht. Was sucht Claudes Gesicht im Pudding aus Kartoffelbrei? Einen billigen Lacher. Sahne aber: Wie ein Torrero reizt Jochen Fahr in rabulistischer Manier und arroganter Pose als smarter Vincent den Wortkampfstier Pierre, den Schauspielprofessor Markus Wünsch als Professor mit Bildungsgehabe so geladen ausstellt, dass sich seine kategorischen Imperative biegen. Der lakonische Provokateur wider den rhetorischen Wichtigmann: ein brillantes Gefecht. Verklemmt, verschmitzt, beobachtend gibt Dirk Audehm den Claude, bis der Naive – noch eine Bombe – explosiv sein Geheimnis offenbart. Katrin Hellers Elisabeth: hochtourig aufgedrehte, emsige, zurückgesetzte Ehefrau, die ihren Frust schließlich wütend rauslässt. Brit Claudia Dehler als quicker Clown und schwangere Modemacherin mit Eigensinn. Es ist die Stunde der Komödianten.

Nächster Termin:

20. März, 19.30 Uhr,

Großes Haus.

Karten: (0385) 5300123;

kasse@theater-schwerin.de

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