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"Ein Stückchen Heimat auf Zeit"

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erstellt am 18.Jan.2012 | 06:39 Uhr

Schwerin | Ein ruheloser Minnesänger im Zwiespalt zwischen sinnlicher und idealistischer Liebe. Den "Tannhäuser" hat der junge Kunstrevolutionär Richard Wagner in Dresden geschaffen. Die Uraufführung 1845 war kein Erfolg. Es hat gedauert, bis das Werk durchgesetzt war, seit Januar 1852 auch in Schwerin, wo es zuletzt 2001 Premiere hatte. Unter der musikalischen Leitung von Matthias Foremny steht es in der Inszenierung von Arturo Gama ab morgen wieder auf dem Spielplan des Staatstheaters im einstigen "Bayreuth des Nordens".

Den Tannhäuser singt der irische Tenor Paul McNamara, der mit dieser Partie in Würzburg 2009 als "Sänger des Jahres" nominiert war. Die US-Sopranistin Kelly Cae Hogan, regelmäßig Gast an der Met und in Schwerin als Senta gefeiert, wird als Elisabeth zu hören sein, und die amerikanische Mezzosopranistin Stephanie Weiss, in Berlin Gast an der Deutschen Oper wie an der Staatsoper, als Venus.

"Wagner war ein Genie", eröffnet Kelly Hogan das Gespräch vor der Probe am Abend, "er hat die Opernwelt revolutioniert. Seine umstrittenen Ansichten und seine Musik, das sollte man trennen." Paul McNamara sieht in diesem Komponisten "einen wunderbaren Theatermenschen, der wirklich Gesamtkunstwerke erreicht und interessante Charaktere geschaffen hat". Und Stephanie Weiss lobt: "Seine Partien sind gut zu singen, er konnte mit der Stimme umgehen." Unter Gelächter scherzt die Venus: "Er kannte meine Stimme." Der romantische "Tannhäuser", ist das Werk mehr mit dem Kopf oder mehr aus dem Bauch zu singen? "Nur mit Herz", ruft Sopranistin Elisabeth sofort.

Was kann uns die Geschichte aus Minnesänger-Zeiten heute noch erzählen? "Tannhäuser ist zwischen seiner Kunst und strenger Gesellschaft auf der Suche nach einem Lebensweg, auf dem er sich selbst treu sein kann", meint der Sänger der Titelpartie, "das ist doch ein ganz gegenwärtiges Problem". Auch Stephanie Weiss sieht den "Konflikt zwischen Lust und Liebe und ob er lösbar ist, als durchaus moderne Konstellation". Das Trio denkt zusammen, dass die keusche Elisabeth und die sinnliche Venus doch zwei Seiten einer Frau sein können.

Tannhäuser ist ein ruheloser Sänger, gleichsam der Urvater der freischaffend wandernden Opernsolisten. Wie schwierig ist dieses Leben? Alle drei haben damit keine Sorgen, sie schätzen die Freiheit des modernen Opernbetriebs, bei dem sie sich schon öfter getroffen haben. Aber sie sind auch glücklich, wenn sie einen Kunstort finden, an dem sie sich wohlfühlen. "Im Opernparadies Deutschland mit seinen Theatern, phantastisch, wenn man hier singen darf", jubelt Stephanie Weiss aus San Diego. Worauf Kelly Hogan aus New York eine Liebeserklärung für Schwerin abgibt: "Es ist toll, in Deutschland Wagner zu singen, vor allem in dieser Stadt mit ihrer kulturellen Tradition, zu der Wagner gehört und viele bedeutende Künstler, das ist eine anregende Reflektion für uns." Die internationalen Solisten sind sich einig: "Solcher Ort darf nicht verloren gehen!" Der Ire McNamara freut sich: "Wenn man in einem Theater wie in Schwerin arbeitet, ist man nicht fremd, hat das Gefühl, man gehört zum Ensemble. Es ist in Stückchen Heimat auf Zeit."

Wenn nur Sänger Kriege führten, wie auf der Wartburg, wäre viel gewonnen. Kann Gesang, wenn nicht die Welt, so doch ein paar Leute befrieden? Tannhäuser sagt: "Heilen kann Gesang die Welt nicht, aber das Publikum anstoßen, über die Welt zu diskutieren, kann ihm eine andere Perspketive zeigen als der Alltag." Schlusswort Elisabeth: "Wir singen ja nicht für uns, sondern für die Bereicherung des Publikums."

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