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„Das gibts in keinem Russenfilm“ : Ein richtiges Leben hat jeder Depp

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Thomas Brussig über Dissidenten, die Mutter als moralische Instanz und seinen neuen Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“

von
erstellt am 27.Feb.2015 | 11:51 Uhr

Mit seinen Büchern „Helden wie wir“ und „Sonnenallee“ sorgte der 1964 in Ostberlin geborene Thomas Brussig für frischen Wind in der Szene. In seinem neuen Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“ (S. Fischer Verlag lässt er die DDR weiterleben und schreibt sich selbst eine fiktive Autobiographie. Welf Grombacher sprach mit Thomas Brussig.


Herr Brussig, der von der Kritik lange erwartete, „große Wenderoman“, ist Ihr neues Buch nicht!

Brussig: Ich hatte schon den Verdacht, dass ich wieder an dem vorbeischreibe, was die Kritik erwartet.
Im Roman machen Sie sich zu einem Dissidenten. Ganz schön kess!
Aber da die Romanfigur Thomas Brussig kein Dissident sein will und nur durch Missverständnisse dazu wird, fühlt sich hoffentlich niemand auf den Schlips getreten. Mit Stephan Krawczyk, Rudolf Bahro, Wolf Biermann oder all den Namenlosen, die für einmal „Scheiß Osten“-Schreien eingebuchtet wurden, kann die Figur nicht mithalten.

Gab es schon böse Stimmen wegen dieser Dissidenten-Biographie?

Nö. Und wenn, würde ich höflich darauf hinweisen, dass es in der Literatur gang und gäbe ist, dass Autoren in der Ich-Form über jemanden schreiben, der sie nicht sind. Und mich insgeheim fragen: Welche Flasche war nur deren Deutschlehrer, dass die das nicht wissen?

Sie selbst haben in der DDR kein Buch veröffentlicht, waren Pförtner, Baufacharbeiter, Tellerwäscher. Waren das die eigentlichen Systemkritiker?
Es hat zum Ende der DDR viele gegeben, die sich ähnlich wie ich verweigert und gesagt haben, das ist nichts für mich, da nehme ich nicht dran teil. Dieses Empfinden hatte politische Ursachen, aber die Verweigerung war letztlich unpolitisch.

Ist so ein fiktiver Lebenslauf nicht gefährlich? Die Gefahr, dass Ironie missverstanden wird, hat ja gerade erst der neue Roman von Michel Houellebecq bewiesen.
Ausschlaggebend war, dass ich eines Nachts aufrecht im Bett gesessen und mich gefragt habe, was aus mir geworden wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Diese Frage hat sich jeder Ostler mal gestellt. Meist sind die Antworten episodischer Natur: Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, wäre ich heute vielleicht Abteilungsleiter im VEB Untertrikotagen Oberfrohna. Da ich Romanautor bin, konnte ich mir die Antwort mit einem Roman geben. Wir Schriftsteller halten die Erfindung für das Edlere. Ein richtiges Leben hat doch jeder Depp. Aber sich eins erfinden, ist gar nicht so leicht.

Und dass die Ironie nicht verstanden wird, befürchteten Sie nicht?
Ich würde jedem Leser dringend abraten, Romane zu lesen, die nicht missverstanden werden können. Mit so braven Dingern langweilt man sich doch zu Tode! Was ich beim Schreiben als Problem gesehen habe war, dass die DDR im Jahr 2010 nicht die des Jahres 1982 sein konnte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit – aber mir wurde klar, wie sehr ich damit die Fantasie der Leser strapaziere. Jeder hat ein DDR-Bild, aber dass sich in meinem Roman die DDR ähnlich entwickelt, wie sich China entwickelt hat, ist tatsächlich eine Herausforderung an den Leser.

Sie machen Gregor Gysi zum Staatsratsvorsitzenden, Sandra Wagenknecht zur Sprecherin der Aktuellen Kamera, Ingo Schulze zum Literaturnobelpreisträger und Uwe Tellkamp zum Chirurgen.
Sie nennen nur einige. Tatsächlich habe ich so vielen Romanfiguren die Namen lebender Menschen verpasst, dass ich ernsthaft überlegt habe, hinten ein Namensregister einzufügen.

Sind Sie einem von denen schon wieder begegnet? Wie reagieren sie?
Man hat als Schriftsteller eine gewisse Macht, und sei es nur die Macht, jemand anderen zu beschreiben. In der Macht liegt bekanntlich die Gefahr von Machtmissbrauch. Dieses Problem begleitet mich seit meinen Anfängen als Autor. Seitdem wäge ich ab, was darfst du und was nicht, und zwar nicht mal im juristischen Sinn, sondern im moralischen. Wann würde meine Mutter sagen, Thomas, so wat jehört sich einfach nich!

Was wäre im realen Leben aus Ihnen geworden, wenn die DDR nicht aufgehört hätte, zu existieren?
Aber das ist doch die Frage, die dazu führte, dass ich diesen Roman geschrieben habe.

Warum soll die Antwort in einem Interview anders ausfallen als im Roman?

Weil der Roman humoristisch ist.
Das hat mit meinem Erzähler-Naturell zu tun. Ich picke mir immer das Komische heraus. Du kannst ja nahezu jede Szene so erzählen, dass sie komisch wird.

War es für Sie damals eine Option, das Land zu verlassen?
Im Sommer 1989, als diese Fluchtwelle lief und man jeden Tag gesehen hat, dass Gleichaltrige zu Tausenden das Land verlassen, da habe ich mich auch gefragt: Gehste oder bleibste? Ich habe mir damals gesagt, solange in der DDR nicht so was passiert wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens, bleibst du, setzt nicht auf Ortsveränderung, sondern Veränderung vor Ort. Diese Fluchtwelle hat das Unhaltbare der Verhältnisse klar vor Augen geführt. Bis dahin ist ja durch die Ausreisen der Druck im Kessel gemindert worden.

Im Roman versprechen Sie, nie aus der DDR auszureisen, nie ein Telefon zu besitzen und nie „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ zu lesen, solange nicht alle das können. Wann haben Sie wirklich die DDR erstmals verlassen, ein Telefon bekommen und Milan Kundera gelesen?
Das war alles ein Ergebnis der Wende. Klar, wenn ich es darauf angelegt hätte, wäre ich auch schon zu DDR-Zeiten an „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ rangekommen. Das ist ja massenhaft gelesen worden. Aber ich habe da nicht dran teilgenommen, so wie ich heute nicht „Fifty Shades Of Grey“ lese.

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