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Ralph Reichel : Ein Revolutionstourist liest Briefe aus der Wende

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schweriner Chefdramaturg Ralph Reichel schlägt am Freitag einen Bogen von 1989 bis in die Gegenwart

svz.de von
erstellt am 09.Okt.2014 | 07:56 Uhr

Er nennt sich selbst einen Revolutionstouristen: Ralph Reichel, heute Chefdramaturg am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, pendelte im Wendeherbst 1989 zwischen den damals wohl interessantesten Städten der DDR hin und her: In Berlin war er zu Hause, in Leipzig hatte er gerade ein Studium der Theaterwissenschaften begonnen.

25 Jahre später wird Ralph Reichel an diesem Freitag zusammen mit Intendant Joachim Kümmritz in einer Lesung an die Demonstrationen des Wendeherbstes 1989 erinnern und einen Bogen bis in die Gegenwart schlagen. Eben diesen Bogen schlug auch Rainer Lehmann, aus dessen Buchprojekt „Momente deutscher Unschuld“ Reichel und Kümmritz lesen werden. Für das Buch hatte Lehmann Leserbriefe gesammelt, die zwischen 1989 und 1990 in allen Tageszeitungen der ehemaligen Nordbezirke erschienen waren. Sie machen nachvollziehbar, welche Themen damals viele Menschen beschäftigten: Standen anfangs Bürgerrechte wie Meinungs-, Versammlungs- oder Reisefreiheit auf der Tagesordnung, wurde noch vor dem Jahreswechsel die Forderung nach einer deutschen Wiedervereinigung zum bestimmenden Thema. Nach der Volkskammerwahl im März schließlich nahmen Sorgen um die Zukunft immer größeren Raum ein und mit ihnen die Frage, wie viel die eigene Lebensleistung künftig noch wert sein würde.

Lehmann hat beinahe 20 Jahre später die Leserbriefschreiber aus der Wende kontaktiert und gebeten, sich noch einmal an jene Zeit zu erinnern und aus heutiger Sicht zu bewerten, was sie damals geschrieben haben bzw. zu schreiben, wie sich ihr Leben seitdem entwickelt hat.

„Ein spannendes Projekt“, findet Ralph Reichel – und eines, das sich hervorragend in die Pläne des Staatstheaters zum Wendejubiläum einfügt. Denn zum einen finden - im Kontext der Schweriner Literaturtage – gleich mehrere Lesungen im Großen Haus statt.

Zum anderen hat das Theater der Landeshauptstadt seinen aktuellen Spielplan voll auf das Wendejubiläum in diesem Herbst ausgerichtet: „Die neuen Leiden des jungen W.“ feierten bereits im September Premiere. Am 8. November wird das Musical „Sonnenallee“ unter Reichels Regie wieder in den Spielplan aufgenommen. Am 6. März steht mit dem „Turm“ von Uwe Tellkamp die Premiere der Bühnenfassung eines ganz großen Wenderomans auf dem Spielplan. Und am 7. Mai schließlich wird Heiner Müllers Schauspiel „Germania. Tod in Berlin“ im E-Werk aufgeführt.

Für Ralph Reichel sind diese Inszenierungen auch Gelegenheit, auf die eigenen Erfahrungen in der Wendezeit zurückzublicken. In Leipzig gründete er 1989 gemeinsam mit anderen engagierten jungen Leuten den Studentenrat und veranstaltete Protestaktionen. Und auch in Berlin, wo er zuvor an der Volksbühne und am Deutschen Theater erste Bühnenerfahrungen sammelte, ging Reichel auf die Straße, wenn er an den Wochenenden nach Hause kam. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm eine Protestaktion vor der Berliner Gethsemanekirche. Ralph Reichel war Bestandteil einer Menschenkette, die singend und mit Kerzen in der Hand friedlich demonstrierte. „Uns gegenüber standen Menschen in Uniform“, erinnert er sich, „stundenlang – dann rückten sie auf uns zu“. Reichel rettete sich mit einem Sprung über einen Zaun auf das Gelände der Kirche. „Das war Kirchengebiet – und ich war geschützt.“ Dagegen wurden Freunde nur wenige Meter entfernt gnadenlos durch die Uniformierten zusammengeschlagen – Reichel musste voller ohnmächtiger Wut zuschauen. Heute, wo vermehrt Flüchtlinge Schutz in Kirchen suchen, denkt er wieder öfter an jenen Tag. „Kirchenasyl gab es sogar in der DDR – und selbst da wurde es respektiert…“

Und wie blickt er von heute auf die Zeit vor 25 Jahren zurück? Warum ist er in Schwerin gelandet und nicht in Frankfurt oder Hamburg? „Ich wollte das System an dem Ort, an dem ich war, verändern, anstatt mir das Paradies irgendwo zu suchen“, sagt Ralph Reichel. Ob ihm das gelungen ist – auf diese Frage wird er möglicherweise am Freitagabend antworten.

Die Lesung findet am 10. Oktober um 19 Uhr im Konzertfoyer des Mecklenburgischen Staatstheaters statt. Der Eintritt ist frei, kostenlose Platzkarten gibt es über die Theaterkasse, Tel.: 0385 5300 123, kasse@theater-schwerin.de

 

 

 

 

 

 

 

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