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Ein Mann mit Profil

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erstellt am 12.Okt.2012 | 09:28 Uhr

Geschichtenerzähler, Mahner und politischer Provokateur: Günter Grass hat in Deutschland viele Rollen ausgefüllt. Seine Romane haben einen festen Platz in der deutschen Nachkriegsliteratur, jahrelang galt er als moralische Instanz – bis zu seinem sehr späten Geständnis, mehrere Monate lang Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein.

Zum Geburtstag gibt es aber dennoch hohe Ehren als Geschenk, heute schon: Das Günter-Grass-Haus in Lübeck feiert seinen zehnten Geburtstag und hat die Dauerausstellung komplett neu gestaltet. Am 14. Oktober, zwei Tage vor Grass’ Geburtstag, wird die neue Ausstellung eröffnet. Erwartet werden prominente Köpfe, unter anderem die Schriftstellerin Eva Menasse, der Theaterregisseur Armin Petras, der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, der Autor Benjamin Lebert sowie Feridun Zaimoglu, Schriftsteller und bildender Künstler mit türkischen Wurzeln. Als besondere Geste für den Jazzfan Grass wird der Schauspieler und Jazzmusiker Helge Schneider für die Musik sorgen. „Wir haben lauter Freunde und Weggefährten von Günter Grass eingeladen und hoffen, dass er sich darüber freuen wird“, sagte der Leiter des Günter-Grass-Hauses, Jörg-Philipp Thomsa. Grass werde dabei sein, wenn es seine Gesundheit zulässt.

Schon Grass’ erster Roman „Die Blechtrommel“ (1959), den er als regelrechter armer Poet in einer Pariser Hinterhof-Wohnung geschrieben hatte, wurde ein Welterfolg. Nach wie vor gilt er als eines der wichtigsten erzählerischen Werke der nur zehn Jahre vorher gegründeten Bundesrepublik. Die Geschichte über Oskar Matzerath, den Sonderling, der nicht wachsen will, war der erste Teil der „Danziger Trilogie“, zu der auch „Katz und Maus“ (1961) und „Hundejahre“ (1963) gehören. Die Bücher nehmen Bezug auf Grass’ Kindheit: In einem Danziger Vorort wurde er am 16. Oktober 1927 geboren, seine Eltern führten dort ein Kolonialwarengeschäft. Die kaschubisch-polnische Abstammung seiner Mutter wurde für Grass zu einer zentralen kreativen Kraft. Immer wieder war das Verhältnis zum Nachbarland Thema seiner Bücher, viele davon sind in polnischer Übersetzung erschienen.

Ein Schriftsteller, der sich immer auch politisch eingemischt hat

Unter anderem für „Die Blechtrommel“ erhielt Grass 40 Jahre später, 1999, den Literaturnobelpreis. Jahrelang hatte er darauf gewartet, galt als einer der Dauerkandidaten, reagierte zunehmend enttäuscht, wenn er dann doch wieder leer ausgegangen war. Die ersehnte Auszeichnung entschädigte Grass wohl auch für die Kritik, die einige Jahre vorher sein Roman „Ein weites Feld“ hervorgerufen hatte. In der Literaturszene wurde das Buch 1995 eher ungnädig aufgenommen. Marcel Reich-Ranicki bezeichnete es in einer Titelgeschichte des „Spiegel“ als „total missraten“ – daraufhin herrschte jahrelang Funkstille zwischen dem deutschen Groß-Literaten und dem deutschen Groß-Literaturkritiker. Überhaupt war das Feuilleton mit Grass sehr viel strenger, als es die Leser waren. Denn im Gegensatz zu vielen von der Kritik hochgelobten Romanen waren Grass’ Bücher nahezu alle Bestseller, auch im Ausland. Als künstlerisches Multitalent steht Grass ohnehin einzigartig da. Steinmetz hat er gelernt, Grafiker ist er auch und er illustrierte seine Bücher zum Teil selbst, betätigte sich als Zeichner und Bildhauer.

Vor allem aber hat sich Grass immer auch als politischer Mensch verstanden. Das war bereits 1955 so, als der damals 27-Jährige erstmals mit der „Gruppe 47“ in Kontakt kam. Zusammen mit anderen Autoren machte er es sich zur Aufgabe, die deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten. Als Wegbegleiter von Willy Brandt war er lange Mitglied der SPD, verfasste schon 1965 das Buch „dich singe ich demokratie – loblied auf willy“, und auch nach seinem Austritt Anfang der 1990er-Jahre unterstützte er weiter die Partei.

Dass er seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS jahrzehntelang verschwiegen hatte, nahmen ihm später viele übel. Er sei damit als moralische Instanz beschädigt, hieß es nach dem späten Eingeständnis des Schriftstellers in seinem 2006 erschienenen Buch „Beim Häuten der Zwiebel“. Grass in der SS – der Grass, der sich immer dann zu Wort gemeldet hatte, wenn es um seiner Meinung nach mangelhafte Aufarbeitung der Vergangenheit ging. „Wer Deutschland denkt, muss Auschwitz mitdenken“, mit diesem Argument war er 1989/1990 gegen die Wiedervereinigung zu Felde gezogen. Auf den Hauptvorwurf, er hätte den düsteren Teil seiner Biografie schon viel früher erklären müssen, antwortete Grass: „Diese Kritik muss ich wahrnehmen, und es ist eine, die ich mir selber stelle.“ Einfach gemacht hat Grass es sich nie.

Prinzip: „Bis ins hohe Alter zornig bleiben“

Einen Eklat verursachte Grass – der ganz bewusst „vaterlandslose Geselle“, wie er sich in selbst mehrfach bezeichnet hat – schließlich mit seinem gegen die israelische Iranpolitik gerichteten Prosagedicht. Von fast allen Seiten hagelte es Kritik. Israel verhängte sogar ein Einreiseverbot gegen den Schriftsteller, der noch 40 Jahre zuvor an einer „Woche der Deutschen Kultur“ in Tel Aviv teilgenommen hatte und von der damaligen israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir empfangen worden war. Seit dem Skandal um sein Israel-Gedicht ist es in den vergangenen Monaten stiller geworden um den nie leisen Schriftsteller, der in diesem Jahr auch nicht bei der Frankfurter Buchmesse erwartet wird.

Hinter seinen oft donnergrollenden öffentlichen Auftritten im Polit- und Literaturtheater wird der Mensch Grass kaum wahrgenommen. Er, der von sich selbst sagt, einen Mutterkomplex zu haben. Der es Frauen nicht leicht gemacht hat. Seine Leidenschaft für das Kochen ist Legende, sein bevorzugt deftiges Essen ist nicht jedermanns Geschmack, die Liebe zum Rotwein ist bekannt.

Grass ist ein Familienmensch, die Enkelschar der Patchworkfamilie wächst und wächst, im Sommer ist sie oft zu Gast im Ferienhaus des Autors mitten im Wald der dänischen Insel Mön. Mehr als Worte sagt jenes Gruppenfoto über Grass aus, das den Patriarchen im Kreise der festlich gekleideten Familie und Freunde vor der Verleihung des Nobelpreises im Dezember 1999 zeigt. Nicht nur Enkel, Kinder, Ehefrau und Schwester sind in Stockholm dabei, sondern auch seine persönliche Sekretärin Hilke Ohsoling und deren Mann – und Weinhändler Kurt Thater. So lebt Grass, der so märchenhaft erzählen kann. Im neuen Band „Eintagsfliegen“ beschreibt der Nobelpreisträger in dem kurzen Gedicht „Guter Rat“, wie einst Max Frisch bei „reichlich Rotwein und Käse“ sich selbst und dem damals jungen Autor einen Tipp gab: „Bis ins Alter zornig zu bleiben und nicht – wie erwartet wird – im alles mildernden Abendlicht weise zu werden. Fortan folgte ich seinem Rat.“

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