Goldberg : Ein letztes Stückchen Heimat

Der Fotokünstler Andre van Uehm erläutert seine Motive am Rechner.
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Der Fotokünstler Andre van Uehm erläutert seine Motive am Rechner.

Der Fotokünstler Andre van Uehm hat Habseligkeiten von Flüchtlingen fotografiert – traurige Erinnerungsstücke an das verlorene Zuhause.

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14. Juli 2015, 12:00 Uhr

Das hat der Reporter in 25 Berufsjahren noch nicht erlebt – der Interviewpartner scheint immer kurz davor zu sein, in Tränen auszubrechen. „Mir war zu Beginn des Projektes nicht klar, wie mich das emotional berühren würde“, sagt der Fotokünstler Andre van Uehm. Eigentlich ist er Landschaftsfotograf. Aber als ihn die Künstlerin Annette Czerny vom Schönberger Musiksommer im Frühjahr einlud, bei der Ausstellung „Wir sind alle illegal“ mitzumachen, entschloss sich der in Woserin bei Dobbertin lebende van Uehm, seine Kamera nicht auf Mecklenburger Seen, auf Bäume und Wiesen zu richten, sondern auf Kleineres. Scheinbar Unspektakuläres. Nichts, was der Rede wert ist. Eigentlich.

Dieses Kleinere jedoch ist für die Menschen, denen es gehört, unendlich kostbar. Weil sie Flüchtlinge sind – aus Eritrea, Armenien, Syrien, Palästina oder Afghanistan. Was sie dem Fotokünstler nach anfänglichem Zögern brachten, ist oft das Einzige, was sie von zu Hause retten konnten.

„Ich kann diesen Menschen als Künstler in ihrer Heimat nicht mehr helfen“, so van Uehm. „Ihre Häuser sind zerstört, Familienangehörige getötet. Aber wenn ich hier in Deutschland zeige, an welche elendig kleinen Dinge sich die Flüchtlinge klammern, muss doch jedem klar werden, diese Menschen sind nicht freiwillig hier.“ Außerdem merken sie, dass sich über Wohnraum und Nahrung hinaus jemand für sie interessiert.

Und so brachten Flüchtlinge, wenn sie nicht die leeren Taschen nach außen stülpten, weil sie gar nichts mehr besaßen, alte Fotografien, Schlüssel oder Münzen.

Ein Foto zeigt eine menschenleere Straße in Afghanistan, die Häuser liegen in Schutt und Asche. Eines dieser Häuser gehörte dem Besitzer des Fotos. Eine syrische Frau bricht in Tränen aus, als der Fotograf von seinem Projekt erzählt. Später bringt sie einen Schlüssel, mit dem sie früher ihr heute zerstörtes Haus aufschloss. Auch ein Palästinenser trägt einen Haustürschlüssel um den Hals. Sein Haus gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr. Das Passbild der ums Leben gekommenen Ehefrau, ein altes Babyfoto, das Handyfoto eines überfüllten Flüchtlingsbootes, das von einem anderen Schiff voller Verzweifelter aus geschossen wurde, eine syrische Lira oder fünf Nakfa (30 Cent), das einzige Erinnungsstück eines Mannes aus Eritrea nach 4000 Kilometern Flucht am Mittelmeer entlang, eine kleine baptistische Kinderbibel in arabischer Sprache – die Zeugnisse vergangener, oft gewaltsam abgebrochener Lebensläufe könnten sprechender kaum sein.

All diese Objekte hat Andre van Uehm vor Ort fotografiert, in Flüchtlingsheimen, Kirchen, Unterrichtsräumen und Beratungsstellen in Wismar, Güstrow, Rostock und Schwerin. Ohne die Flüchtlinge und Asylsuchenden selbst aufs Bild zu bannen. Anonymität war eine Voraussetzung des Projektes.

14 dieser Fotos hat der Künstler als Postkarten drucken lassen, um seine ursprüngliche Idee noch einmal zu verstärken. Während wir sonst Karten aus idyllischen Urlaubsorten nach Hause schicken, künden diese Karten mit den traurigen, bedrückenden Erinnerungen von vielleicht für immer verlorener Heimat. Holger Kankel

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