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Chaim Noll in Schwerin : Ein Leben als Sohn

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Chaim Noll liest heute in Schwerin aus seiner Autobiographie „Der Schmuggel über die Zeitgrenze“ / Sein Vater war Dieter Noll

Eigentlich sollte Chaim Nolls Autobiographie „Der Schmuggel über die Zeitgrenze“ ja früher erscheinen. Weil die darin erwähnte Monika Maron aber Einspruch anmeldete, musste eine Passage geschwärzt werden. Der Autor selbst kann das nicht verstehen: „Dieses Buch ist nicht bösartig, es ist auch nicht polemisch, und ich habe eigentlich alle Figuren möglichst schonend behandelt. Schonend, weil ich alle im Rahmen ihrer Umstände gesehen habe.“

Ohne Frage hat der 1954 in Ostberlin geborene Hans Noll, der später den Namen Chaim annahm und nach Israel auswanderte, etwas zu erzählen. Als Sohn des DDR-Schriftstellers und Nationalpreisträgers Dieter Noll („Die Abenteuer des Werner Holt“) wuchs er auf, entfernte sich immer weiter vom System und verließ 1984 die DDR, nachdem sein Ausreiseantrag bewilligt wurde. Die Passagen, in denen er von seiner Kindheit in Privilegiertenkreisen berichtet, zählen zu den interessantesten des Buches. Manchmal hat es den Anschein, jeder kannte jeden in der kleinen DDR.

Mit Nina Hagen, deren Mutter einen weißen Skoda-Cabriolet mit roten Lederpolstern fuhr, ist Noll in einer Klasse. Mit Gabriele Gysi unterhält er sich angeregt auf einer Party und findet sie „viel interessanter als ihren opportunistischen kleinen Bruder“ Gregor. Und der Enkel von Wieland Herzfelde aus Los Angeles besucht Noll mit seinem schwulen Freund.

Ein wenig erinnert das an Promiklatsch. Man ahnt zu verstehen, was Monika Maron daran stört. Warum soll jeder private Dinge von einem wissen? Der Voyeurismus des Lesers wird von Chaim Noll bedient. Auch, wenn er sich Mühe gibt, sachlich zu berichten. Freizügig plaudert er aus dem Leben der DDR-Elite und hat damit kein Problem. Auf seiner Homepage und in seinem Wikipedia-Eintrag dagegen ist er alles andere als großzügig mit eigenen biographischen Angaben.

Ausführlich gibt Chaim Noll Einblick in seine Sozialisation. Wie aus dem hoffnungsvollen FDJ-Mitglied einer dieser „kaputten Typen“ (wie sein Vater die Unterzeichner des Protestes gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann einmal nannte) wird, der sich wegen Bulimie in die Psychiatrie einliefern lässt, um nicht zur Armee zu müssen.

Der Vater Dieter Noll wird in der Autobiographie als gescheiterter Schriftsteller gezeichnet, der nach dem Erfolg seines „Werner Holt“ in die Schaffenskrise gerät und dem Alkohol frönt. Auseinandersetzungen mit dem regimekonformen Vater sucht man auf den 500 Seiten vergebens. Hat es sie wirklich nicht gegeben?

Ohne literarischen Anspruch, als hätte er einfach drauflosgeschrieben, gibt er Einblick in sein Leben als Sohn. Der Anspruch, Kindern und Enkeln Bericht zu erstatten, wird mehr als einmal deutlich, wenn er meint, die DDR erklären zu müssen. Das wirkt mitunter oberlehrerhaft.

Wer wissen will, wie das Leben Chaim Nolls nach der Wende weiterging, der kann in dem ebenfalls neuen Gedichtband „Kolibri und Kampfflugzeug“ (auch im Verbrecher Verlag erschienen) weiterlesen. Die Gedichte darin folgen seinem Lebensweg über Westberlin und Rom bis Tel Aviv. Seit 1995 lebt er abgeschieden in der Wüste Negev.

 

Lesung mit Chaim Noll heute, 21. Oktober 2015, um 19 Uhr in der Aula der Volkshochschule Schwerin, Puschkinstr. 13


 



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