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Schwerin : Ein halbes Pfund Shakespeare

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein neuer „Kaufmann von Venedig“ eröffnet die Spielzeit im Mecklenburgischen Staatstheater

Ja, es gibt „Neues auf dem Rialto“. Ein unerhörtes Finanzgeschäft.

Die Verschreibung für einen Kredit ist ein Pfund Fleisch aus dem Leib des Schuldners. Das verlangt der Geldgeber Shylock vom königlichen Kaufmann Antonio, der einem Freund auf Freiersfüßen aus der Pleite zu helfen finanziell momentan verlegen ist. Bislang blickte Antonio auf Shylock herab, nannte ihn Hund, spuckte auf dessen jüdischen Rocklor. Deshalb wird Shylock am Tage der Fälligkeit vor Gericht unnachgiebig auf seinen Schein beharren. Er wird dennoch leer ausgehen durch eine juristische Volte. Und während in Venedig das Geschäft bis aufs Messer regiert, sollen in Belmont Harmonie und Liebe herrschen, „die Eintracht süßer Töne“. Die Einheit von Gegensätzen treibt diese Shakespeare-Komödie mit tragischen Zügen.

„Der Kaufmann von Venedig“ ist verdächtig. Ist das Stück doch antisemitisch missbraucht worden. Aber weder ist Shylock ein Scheusal noch Antonio ein besonders honoriger Kaufmann. In ihnen stehen sich altes Handelskapital und neues Finanzkapital gegenüber, der Jude und der Christ sind ökonomisch verwandte Konkurrenten. So eine von mehreren Lesarten.

In seiner Zurichtung des Stoffs erzählt Marc von Henning zum Auftakt der neuen Spielzeit im Mecklenburgischen Staatstheater mit überwiegend Neutext wenig von Shakespeare. Seine Diätfassung setzt auf eigene, um nicht zu sagen Ego-Komödie. Auf einer Bühne von Jörg Kiefel, der mit gestuften Podesten, durchsichtigen Vorhängen und Venedig-Projektionen Leichtigkeit schafft. Die sportlich gedressten Akteure agieren im schönen Schein.

Der Regisseur stellt die Szenen unter projezierte Sprüche wie „Das ist für alle, die aufs falsche Pferd gesetzt haben.“ Und Lorenzo bläst quasi in ein Füllhorn von Leitworten: „Das ist für alle, die mit wenig Ahnung weit gekommen sind.“ Sonette sind das nicht, es hört sich aber so nett an: „Das ist für alle, die die Welt besser verstehen als ich.“ Dazu passt schon, dass Leichtfuß Bassanio, der die reiche Portia angeln will, nicht traditionell das richtige Kästchen wählen muss, sondern das richtige Auto mit ihrem Foto, also Kleinfiat statt Ferrari. Doch wenn mit den trinkfreudigen Damen Portia, Jessica und Nerissa eine Party installiert ist, die Vorteile des Dildo-Gebrauchs diskutiert, ist das für alle, die gern RTL II gucken.

An Unterhaltung fehlt es der Fassung nicht, der Inszenierung dagegen im Nuschelmodus oft an Artikulation, wichtiger Text verrauscht. Ist das „für alle, die wissen, dass es so nicht weitergeht?“ Vor allem aber: Komödie ohne Pep ist kaum komisch.

Prägnant ist, dass sich die Komödie dreht, ihre Kehrseite bitter ernst zeigt. Ist Shylock überlegen bei seiner absurden Forderung – „Jedes Geschäft braucht seinen Spaß“ – und lange unerbittlich vor Gericht, weil es um sein Überleben geht, so überfällt ihn die Niederlage als Schock. Ein Finanzjongleur, der sich verzockt hat. Jochen Fahr spielt das profiliert mit selbstbewusster Manager-Haltung, sachlich, doch zur Tücke fähig und gebrochen als verratener Vater wie als Gedemütigter.

Der Antonio bleibt bei Amadeus Köhli reduziert auf die Bedrückung und einen Wutausbruch. Abschätzende Blicke zwischen beiden am Ende könnten die Konfrontation nun auf ein andermal verschieben. Der Bassanio von Rüdiger Daas hat die Lässigkeit des Playboys. Anja Werner zeigt die Portia als smart agile Edelfrau, Caroline Wybranietz die Nerissa kess, Lucie Teisingerova die Jessica als Glücksucherin.

Ein Klassiker gilt nach einem klugen Wort „nicht immer, sondern immer wieder“. Bedarf er deshalb der Neufassung, die ihn schlachtet bis aufs Skelett? „Nach Shakespeare“ ist ein Feigenblatt für Misstrauen in Shakespeare. Warum dann danach greifen?

Ach ja, auch er hat fremdes Material benutzt – immerhin ziemlich genial. Hier spielt nur eine Aneignung für alle, die sich mehr als ein halbes Pfund Shakespeare nicht mehr zumuten möchten. Das mag ein Gewinn sein für den eiligen Zeitgeist, den ein Verlust an Anspruch nicht juckt. Kommt bald ein Komponist mit einer Neunten nach Beethoven?

Nächster Termin: 20. 9., 19.30 Uhr, Großes Haus.

Karten: (0385) 5300123;

kasse@theater-schwerin.de


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