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Maler Bernhard Heisig gestorben : "Die Wut der Bilder"

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Bernhard Heisig, der wie wenige deutsch-deutsche Maler Wirrnisse und Widersprüche der Nachkriegs-Jahrzehnte mit heftigem Strich festhielt, blieb bis zum Tod seinen Obsessionen treu.

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erstellt am 10.Jun.2011 | 06:26 Uhr

Berlin/Strodehne | Er wohnte weit weg von den Städten, doch er war im tobenden Leben geerdet: Bernhard Heisig, der wie wenige deutsch-deutsche Maler Wirrnisse und Widersprüche der Nachkriegs-Jahrzehnte mit heftigem Strich festhielt, blieb bis zum Tod seinen Obsessionen treu. "Die Wut der Bilder" nannte sich programmatisch 2005 eine Leipziger Retrospektive, die auf den Punkt brachte, was Heisig seit seiner Jugend bewegte: Die Erfahrung mit Gewalt und Manipulation des Menschen als Kernthema für das künstlerische Schaffen.

Auch im beschaulichen Strodehne im Havelland, wohin sich Heisig 1992 zurückgezogen hatte, ließen ihn die Kriegserlebnisse nicht los. Noch im Rollstuhl folgte er der Routine der Arbeit im Atelier, das er mit seiner Frau, Gudrun Brüne, teilte. Gestern starb Heisig im Alter von 86 Jahren in seinem Wohnort Strodehne in Brandenburg.

Einige nannten ihn "Jahrhundertkünstler" und verglichen ihn mit Otto Dix und Max Beckmann. Für Gegner gehörte er zu den "DDR-Staatskünstlern", eine Einordnung, gegen die er sich vehement zur Wehr setzte. Genau zwei Werke habe er im Staatsauftrag geschaffen - für den Palast der Republik in Ost-Berlin und nach heftiger Debatte - für die Bundestags-Cafeteria im Reichstagsgebäude.

Heisig bewegten die Geschichtsdramen, die er als grelles Panoptikum gestaltete - etwa seine bittere Sicht auf Preußen mit Friedrich dem Großen und seinem tragischen Geliebten Katte oder die Schlachten, in die er als Junge geschickt wurde. Heisig lag es fern, sich als Opfer darzustellen. Er hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass er sich mit 17 Jahren freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte. In einer Panzerdivision zog er in die Ardennen-Schlacht, die er später in Furienbildern in Erinnerung behielt. Auch in Szenen der niedergemetzelten Pariser Kommune mischte Heisig die Kriegserlebnisse. Als ihm die SED-Kulturfunktionäre Geschichtspessimismus vorwarfen, übermalte er die Bilder kurzerhand, ein Ausdrucksmittel, auf das er immer wieder zurückkam. Es ist auch der Pragmatismus zwischen Anpassung und Widerstand, der zu seiner Richtschnur wurde und Heisig zuweilen als Opportunismus ausgelegt wurde. So unterschrieb er nicht die Künstlerpetition gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR.

Der 1925 in Breslau geborene Künstler lernte vor allem als Buchillustrator das Handwerk, zunächst an der Kunstgewerbeschule, später an der Hochschule für Grafik und Bildkunst in Leipzig. Doch dort hielt er es nur bis 1948 aus, weil er sich nicht Stalins Vorgaben eines sozialistischen Realismus unterwerfen wollte.

Die Litografien etwa für Brechts "Mutter Courage" oder die "Dreigroschenoper" kündigen die Heftigkeit des Malers an. Dafür habe er in der DDR das geeignete Klima gefunden, sagte er später. Doch Heisig eckte immer wieder auch bei der Kulturbürokratie an. 1961 wurde er zum Professor und Rektor der Kunsthochschule Leipzig ernannt, drei Jahre später wieder abgesetzt. Erst 1976 kehrte er für gut zehn Jahre wieder an die Hochschule zurück. Mit Wolfgang Tübke und Werner Mattheuer wurde er dann Mitbegründer der "Leipziger Schule".

>> STICHWORT: Die Leipziger Schule

Die „Leipziger Schule“ hat ihre Wurzeln in der Künstlerszene der sächsischen Stadt in den 1960er-Jahren. Neben der von Bernhard Heisig 1961 gegründeten Malklasse an der Kunstakademie etablierte sich in dieser Zeit ein Kreis freischaffender Künstler.
Es wurde ein hoher künstlerischer Anspruch mit bewusster Gesellschaftsanalyse verbunden. Das handwerkliche Können wurde wieder zum wichtigen Teil der künstlerischen Arbeit. Der eigentliche Begriff der „Leipziger Schule“ entstand allerdings erst in den 1970er-Jahren. Zu den bedeutendsten Vertretern zählen neben Heisig Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer. Sie machten die Stadt zu einem wichtigen Zentrum der bildenden Kunst in der DDR. Als Wegbereiter der „Neuen Leipziger Schule“ gilt der Heisig-Schüler Neo Rauch, dessen verrätselt allegorische Bilder heute weltweit Höchstpreise erzielen.


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