Ausstellung : Die Wiederverzauberung der Welt

Ben Patterson, Hommage an Al Hansen, 2007, Collage,
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Ben Patterson, Hommage an Al Hansen, 2007, Collage,

„Die Revolution der Romantiker – FLUXUS made in USA“ – Neue Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin

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14. März 2014, 13:30 Uhr

Dr. Gerhard Graulich gerät geradezu ins Schwärmen, als er vor dem Gemälde von Carl Blechen aus dem Jahr 1827 steht. Das freche Bild des Romantikers zeigt eine Gruppe junger Männer, die ausgelassen auf einer Eisbahn schlittern. Anlauf nehmen, rutschen, hinfallen. Man hört sie geradezu johlen. Ein wilder Bursche fällt besonders auf. Mit erhobenen Händen schlittert er in der Bildmitte übermütig dahin, die Mütze in der Hand, die langen Haare wehen. „Das Leben ist schön“, scheint er dem Betrachter des Bildes zuzurufen. „Das ist doch Fluxus pur“, sagt Gerhard Graulich und freut sich, dass er gerade dieses Gemälde ausleihen konnte.

Zugleich hat er mit seiner Begeisterung die beiden Pole der neuen Ausstellung genannt: Romantik und Fluxus. „Die Revolution der Romantiker – FLUXUS made in USA“ ist der Titel der Schau, die gestern im Staatlichen Museum Schwerin eröffnet wurde.

Gut, Romantik, damit kann jeder etwas anfangen. Zumal in der Heimat Caspar David Friedrichs. Er ist neben weiteren Romantikern wie Philipp Otto Runge mit zwei Gemälden, der Schweriner „Winterlandschaft“ und der Ansicht von Neubrandenburg aus dem Pommerschen Landesmuseum Greifswald sowie einem Skizzenblatt, vertreten.

Besonders eindrucksvoll in diesem ersten Raum der Ausstellung, quasi der Korridor zu den 200 Jahre älteren Romantikern der Fluxusbewegung, ein großformatiges Gewitter-Gemälde des Deutsch-Amerikaners Albert Bierstadt aus dem Jahr 1870. Er brachte den Geist der Romantik nach seinem Studium in Deutschland mit in die USA und wurde dort zu einem der bedeutendsten Vertreter der nicht realistischen Landschaftsmalerei.

Womit wir schon einmal den Sprung über den Großen Teich geschafft hätten, aber natürlich noch nicht bei Fluxus made in USA angekommen sind.

Fluxus? Damit kann wahrscheinlich nicht jeder etwas anfangen. Vielleicht nicht einmal die Künstler selbst, die sich dieser revolutionären, unangepassten, alle ästhetischen Fesseln sprengenden Kunstrichtung Anfang der 1960er-Jahre, zuerst in den USA und dann auch in Deutschland, verschrieben.

Was also ist Fluxus (lateinisch flux/fluere fließend, vergänglich)? „Wenn du es definieren kannst, ist es kein Fluxus“, sagte der Fluxus-Dichter Emmett Williams. „Fluxus hat aus Nichts Kunst gemacht. Und umgekehrt“, behauptete der Videokünstler Larry Miller. Wohingegen Tomas Schmit postulierte: „Fluxus hat bis jetzt noch nie stattgefunden.“ Eine vermutlich etwas irrige Ansicht.

Wie nicht zuletzt die Schweriner Ausstellung beweist, deren Herzstück eine Auswahl von 150, zum Teil noch nie öffentlich präsentierten Werken amerikanischer Fluxus-Künstler aus der Sammlung der Kölner Familie Kelter ist, die das Schweriner Museum seit 2011 als Dauerleihgabe beherbergt: Fotos, Zeichnungen, Objekte, Filme, Boxen, Partituren und Performancerelikte.

Was aber sieht oder hört man denn nun, wenn man Fluxus hört oder sieht? Also, wenn ein berühmter Pianist zum Beginn des Konzertes den Klavierdeckel hinunterklappt und ihn erst nach exakt vier Minuten und 33 Sekunden wieder öffnet, das Stück also nur aus den Geräuschen des Konzertsaales besteht, wie in dem berühmten Stück von John Cage, dann ist das Fluxus. Für den Komponisten Cage war Stille nicht Leere, sondern ein Bewusstseinszustand. Wie in seinem legendären Konzert „4’33“, wo der Zuhörer ganz auf sich zurückgeworfen ist. Nebenbei ein durchaus zu empfehlender seelischer Aggregatzustand für eine Wanderung durch diese Ausstellung. Mehr fühlen als verstehen wollen! Und nicht zu vergessen: Das Logo der Fluxus-Leute war ein Azteken-Gott mit herausgestreckter Zunge.

Auch wenn, wie im Eingangsbereich der Schweriner Ausstellung, rätselhaft ein weißer Kleiderständer mit einem schwarzen Hut und einem weißen Stuhl daneben stehen, ist das Fluxus. Wenn als Protest gegen den Vietnamkrieg eine Künstlerin auf einem Panzerwrack Cello spielt, dann ist das Fluxus. Wenn Alltagsmaterialien, Videos, Musik, Geräusche, Licht, Handlungen oder Bewegungen, kombiniert oder für sich stehend, in den Rang von Kunst erhoben werden, und wohlgemerkt nicht akademischer oder elitärer Art sind, kann das Fluxus sein.

Weil diese Kunst auch immer auf Teilnahme und Austausch ausgerichtet war und ist, haben die Flux-Pioniere Geoffrey Hendricks und Ben Patterson eigens für Schwerin Arbeiten geschaffen wie die Fluxus-Bar, einen von Caspar David Friedrich inspirierten Fluxus-Altar, dem jeder seine Träume offenbaren kann, eine kleine Flux-Bühne für jedermann und das Flux-Tours Reisebüro sowie mobile Fluxus-Bühnen, die in den nächsten Monaten durchs Land touren werden.

Gerhard Graulich, der die Ausstellung gemeinsam mit Katharina Uhl kuratiert hat, weist auf ein Exit-Schild über dem Eingang zur Romantiker-Abteilung hin, eine Arbeit von George Brecht. „Exit heißt Ausgang. Es könnte aber auch ein Eingang im Sinne von Ausgang aus der Alltagswelt sein, aus der man in eine andere, verzauberte Welt tritt. Dazu wollen wir einladen.“

Diese Welt ist in Schwerin himmelblau, zumindest die Ausstellungswände sind es. Wie die blaue Blume der Romantik. Dieses Blau verbindet die klassischen deutschen Romantiker und die 200 Jahre später geborenen Fluxus-Künstler. Denn, so die zentrale These dieses Projektes: Beide Kunstrichtungen haben viel gemeinsam: Beide wurden in ihrer Zeit angefeindet und missverstanden, setzten und setzen auf eine Revolutionierung von Kunst und Leben in einer Zeit erstarrter Gesellschaftsverhältnisse. Auf eine Utopie von neuer Freiheit.

Wer sich vor Augen hält, dass die Arbeiten von Caspar David Friedrich in seiner Zeit als hässlich geschmäht wurden, schaut vielleicht milder auf die manchmal verstörenden Fluxus-Arbeiten made in USA. Die genau wie ihre romantischen Vorfahren darauf setzen, dass sie im Geist des Betrachters vollendet werden. Und vielleicht dazu beitragen, dieser Welt ihren Zauber zurückzugeben.

Öffnungszeiten:

Die Revolution der Romantiker - FLUXUS made in USA
Ausstellung vom 14. März bis 9. Juni 2014
Galerie Alte & Neue Meister Schwerin

Di – So 10 – 17 Uhr,
Do 18 – 20 Uhr,

ab 15. April:
Di – So 10 – 18 Uhr,
Do 18 – 20 Uhr

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (28 Euro).

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