Greifswald : Die Wende kommt ins Museum

Die Greifswalder Christel Fermum und Hinrich Kuessner im Pommerschen Landesmuseum Greifswald mit einem Transparent aus dem DDR-Wendeherbst
Die Greifswalder Christel Fermum und Hinrich Kuessner im Pommerschen Landesmuseum Greifswald mit einem Transparent aus dem DDR-Wendeherbst

Historische Dokumente aus dem Herbst 1989 finden jetzt Eingang ins Pommersche Landesmuseum und in digitale Archive

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20. März 2015, 12:00 Uhr

Kurz vor Mitternacht am 4. Dezember 1989 setzt sich der Greifswalder Hinrich Kuessner an seine Schreibmaschine, um zu dokumentieren, was an diesem ereignisreichen Tag geschah: Am Vormittag hatten Bürger das Neue Forum  informiert, dass offenbar Akten in der Greifswalder Kreisstelle der Staatssicherheit verbrannt werden. Es musste schnell gehandelt werden.

Als Kuessner und weitere Mitglieder des Neuen Forum gegen 13 Uhr an dem Sitz des MfS in der Domstraße eintrafen, versperrten bereits rund 200 Menschen mit einer Menschenkette den Zugang, um zu verhindern, dass Akten aus dem Gebäude geschleppt werden.

„9 Bürger besetzten die Pforte, Keller und die drei Geschosse des Hauses, um Bewegungen zu beobachten“,  schreibt  Kuessner.   70 Panzerschränke werden im Beisein des Kreisstaats-anwaltes versiegelt. In einem Heizungskeller wird angebranntes Papier gesichert.  

Die Ereignisse des Wendeherbstes 1989 in Vorpommern sind dank dieser und ähnlicher Dokumente heute noch hautnah mitzuerleben. Was aber bislang eher im Stillen in Privatarchiven der damaligen Protagonisten schlummert, kommt jetzt ins Museum.

Am Mittwoch übergaben Kuessner und frühere Mitstreiter dem Pommerschen Landesmuseum Greifswald ein Transparent, CDs von Diskussionsrunden und Flugblätter aus dem Wendeherbst. Das Museum will damit einen Abschnitt im dritten Teil der Dauerausstellung zur Geschichte Pommerns gestalten. „Wir, die wir damals aktiv waren, sind alt geworden. Alle haben noch etwas in ihren Kartons und Kellern. Das darf nicht verloren gehen“, begründet Kuessner, heute 71 Jahre alt, die Übergabe der Dokumente.

Für das Greifswalder Museum sind die Relikte aus der Wendezeit ganz besondere  Objekte. „Es sind wertvolle Originale, weil sie neben dem rein Faktischen auch viel Stimmung vermitteln“, sagt der Historiker des Pommerschen Landesmuseums, Stefan Fassbinder.

Aufbrausender Jubel in einer Tonaufnahme beispielsweise, als eine Männerstimme am 9. November mitten in den Greifswalder Mensa-Gesprächen die Nachricht von der Öffnung der Mauer verkündet.

Voraussichtlich 2016 wird der letzte Abschnitt der historischen Ausstellung eröffnet – er schlägt einen Bogen vom Ersten Weltkrieg bis zu Wiedervereinigung Deutschlands und den ersten beiden Nachwende-Jahrzehnten.

In der Greifswalder Universitätsbibliothek werden Akten, Briefe, Flugblätter und Aufrufe digitalisiert. Sie sollen über das digitale Online-Portal der Bibliotheken für jedermann zugänglich sein.   Den Geruch der Straße atmet noch heute ein Transparent aus dem Wendeherbst, das ebenfalls an das Museum geht. „Führungsanspruch der SED verhindert echte Demokratie“ steht auf dem leicht vergilbten Stoff, der einst mit inzwischen verrosteten Reißnägeln an zwei Schaufelstielen befestigt wurde.

 Christel Fermum – heute 78 Jahre alt – kann sich noch genau an die Diskussionen am heimischen Abendbrottisch erinnern, als ihr Mann vorschlug, genau diese Losung auf das Transparent zu schreiben. „Wir haben damals die Chance gesehen, dass eine Tür zu mehr Demokratie aufgeht“, sagt Fermum. „Das hat unglaubliche Kräfte freigesetzt.“ Mit dem Transparent, das mittlerweile drei Umzüge überlebte, nahmen die Fermums an den Mittwochsdemonstrationen teil.

In Greifswald gingen die Menschen das erste Mal am 18. Oktober 1989 auf die Straße –  fast anderthalb Monate nach der ersten Montagsdemonstration in Leipzig. Kuessner erklärt sich den späten Beginn der friedlichen Revolution in Vorpommern so: „Greifswald lag in einem Gebiet, in dem es kein Westfernsehen gab. Die Kirche war sehr staatsnah, die Bevölkerung sehr ängstlich. Das Kernkraftwerk und die Uni hatten straffe SED-Strukturen“, sagt er heute.

Damals gehörte der spätere SPD-Politiker und Landtagspräsident von Mecklenburg-Vorpommern zu den führenden Protagonisten, der am 5. Dezember in Greifswald den Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der SED- und Stasi-Strukturen mitinitiierte. Ihr Ziel sei  nicht die spektakuläre Enttarnung von Spitzeln gewesen. „Es ging uns um die Strukturen. Wenn man neue Strukturen aufbaut, muss man die alten kennen“, sagt er heute.

Kuessner wünscht sich, dass möglichst viele Menschen, die damals am Machtanspruch der SED rüttelten, ihre Erinnerungen aufschreiben und Erinnerungsstücke zur Verfügung stellen. 

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