zur Navigation springen

Die Welt ein Stillleben

vom

svz.de von
erstellt am 28.Okt.2010 | 06:57 Uhr

Güstrow | In einer dunklen Ecke seines Ateliers stehen sie aufgereiht nebeneinander: die "Helden des Prekariats". Eine rote Teedose, ein gelber Kegel und ein blauer Kerzenständer. Alltagsgegenstände des kleinen Mannes. Das Gegenstück zu den Symbolen der Macht, mit denen sich auf Prunkstillleben einst Herrscher und reiche Bürger ins rechte Bild rücken ließen. Immer aufs neue ordnet Lars Lehmann diese profanen Dinge neu an, malt sie wieder und wieder. Geradezu manisch! "Nein, manisch geht zu weit", widerspricht er energisch. Krankhaft sei das nun wirklich nicht, was er da tue. "Aber dass ich ein besessener Maler bin, kann man schon sagen."

In Greifswald wurde Lehmann 1967 geboren, zog mit der Mutter aber bald schon nach Ribnitz-Damgarten. Eine idyllische Kindheit an der Ostsee? Er verneint: "Vielmehr eine öde Kindheit. Ich habe meine Jugend in der Bibliothek verbracht, kannte jedes Buch auswendig und wollte nichts wie weg aus dem Bezirk Rostock." Also war er froh, als er nach Halle an die Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) delegiert wurde, um danach im sozialistischen Ausland zu studieren. "Ungarn, das war wie der Westen. Ich sollte in die Holzverarbeitung gehen und als Ingenieur nach Ribnitz-Damgarten zurückkehren, wo es ein großes Faserplattenwerk gab."

Zeichnen aus Langeweile beim Wacheschieben

Lehmann sitzt in seiner Wohnung in der Güstrower Weststadt, umgeben von eigenen Gemälden an den Wänden, einer kleinen Keramiksammlung auf dem Fensterbrett und natürlich Büchern. Jeder Menge. Er nimmt die Brille ab und reibt sich die Augen, während er sich erinnert. "Mir hat es gefallen an der ABF. Ich war ein guter Schüler. Aber sie haben den Fehler gemacht, mich vor dem Studium zwei Jahre zur Armee zu schicken." Dort kam der Bruch. "Beim Wachestehen, 24 Stunden am Stück, fing ich an zu zeichnen, um vor Langeweile nicht wahnsinnig zu werden." Der Beginn eines Künstlerlebens.

In Ungarn hielt Lehmann es dann nicht lange aus. An die Kunsthochschule in Weißensee wollte er, wohnte in einem besetzten Haus am Prenzlauer Berg und verdiente sein Geld als Aufseher im Museum und als Kulissenschieber im Metropol-Theater. Bis zum Mauerfall. Bereits im Herbst 1989 bewarb er sich an der Hochschule der Künste (HdK) in Westberlin. "Die ersten Jahre dort habe ich nur rumgekleckst. Die ganze moderne Kunstgeschichte noch einmal durchlebt. Von Paul Klee bis Jackson Pollock. Wenn ich was gar nicht mochte, war das der sozialistische Realismus. Aber während meines Erasmus-Stipendiums in Ravenna habe ich zur gegenständlichen Malerei zurückgefunden. Die Dinge sahen mir nicht real genug aus, und ich überlegte, wer kann mir da helfen?"

Die Farben und Formen der ganzen Welt

So kam Lehmann als Meisterschüler zu Volker Stelzmann, der gerade an der Hochschule der Künste unterrichtete. Als Vertreter der Leipziger Schule ein Exot im Westen. Aber so spielt das Leben eben. Um bei einem Ostdeutschen zu lernen, musste der Ostdeutsche in den Westen aufbrechen. "Als Student zu Stelzmann zu gehen, war wie eine gesellschaftliche Ächtung. Genau das Richtige also für einen Künstler, wie ich fand", erinnert sich Lars Lehmann heute und schmunzelt dabei. Die Nähe zu Stelzmann sieht man seinen Bildern heute noch an. Was die Palette und die Auffassung der Umwelt angeht. Damit hat Lehmann kein Problem.

"Die der Neuen Sachlichkeit verpflichtete Malerei ist für mich die wesentliche Kunstrichtung in Deutschland. Ich habe mit lichteren Farben gemalt, aber mit dem Resultat war ich nicht einverstanden. Das kam mir nicht ehrlich vor." Anders als Stelzmann malt Lehmann jedoch kaum Figuren. Nur ab und an ein Porträt. Er hat sich ganz den Stillleben verschrieben. Immer und immer wieder ordnet er die gleichen Requisiten neu. Für ihn ist das bereits ein Akt der Komposition. Dann malt er sie. Ob es die russischen Benzinkanister und die alte Kohlenschütte sind. Oder die Elefantensparbüchse der Dresdner Bank und die Playmobilmännchen. Jeder kennt die Gegenstände auf Lehmanns Bildern seit der frühesten Kindheit. Egal, ob er aus dem Osten oder aus dem Westen stammt.

Es entsteht ein Panorama der vergangenen 50 Jahre. Gerade daraus beziehen die Gemälde ihren großen Reiz, wie sich in der Rostocker Galerie am Fischereihafen einmal mehr überprüfen lässt, wo Lehmann seine "Helden des Prekariats" gerade ausstellt. "Ich male diese Stillleben, weil sich in ihnen die Formen und Farben der ganzen Welt wiederfinden. Die Konstellation der Dinge zueinander ist für mich eine Inszenierung des Ausgesetztseins."

Lars Lehmann - "Helden des Prekariats". Rostock, Galerie am Fischereihafen, Fischerweg 12, Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa 11-13 Uhr, bis 30. November.

Am Tag der zeitgenössischen Kunst am 30. Oktober ist der Maler von 11-18 Uhr, am 31. Oktober von 11-16 Uhr anwesend.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen