Kultur : Die Tradition tanzt

Nadya Prostota als Marie und Igor Voloshyn als Prinz   Fotos: Silke winkler
Nadya Prostota als Marie und Igor Voloshyn als Prinz Fotos: Silke winkler

Ballettpremiere von Tschaikowskis „Der Nussknacker“ im Mecklenburgischen Staatstheater

svz.de von
10. November 2014, 07:47 Uhr

Es war einmal eine Geschichte, die hieß „Nussknacker und Mausekönig“. Verfasst von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der die Geister liebte, adaptiert von Alexandre Dumas d. Ä., und die Choreographen Marius Petipa und Lew Iwanow formten daraus ein Tanzstück. Es erzählt den wundersamen Traum einer kleinen Marie. Pjotr Iljitsch Tschaikowski hat ihn in Töne gesetzt, womit Klassik-Schlager in die Welt kamen. Das ist seither eines der populärsten Ballette: „Der Nussknacker“. Mittlerweile ist es voller nos-talgischem Charme.

Das Stück wurde am 18. Dezember 1892, denn es ist ein Weihnachtsmärchen mit Bescherung, zum ersten Mal im Mariinski-Theater in Sankt Petersburg aufgeführt, und das war aus heutiger Sicht ein Märchen obendrein: Zählte doch das zaristische Ballett-Ensemble seinerzeit 150 Damen und 80 Herren. Eine Wonne also, die 15 Nummern der zwei Akte glänzen zu lassen mit Divertissements wie spanischem, arabischem, chinesischem, russischem Tanz und anderen mehr, wofür es im idealen Falle eines personellen Füllhorns bedarf. Goldene Epoche des klassischen Balletts! Vorbei, doch nicht vergessen.

Den „Nussknacker“ des Ursprungs kann sich kaum noch eine Compagnie leisten, Schwerins Ensemble schon gar nicht. Dennoch hat Sergej Gordienko den Klassiker für alle Kinder im Alter von vier bis 94 Jahren zu einem Märchen mit Zauber erweckt. Da geht Seltsames vor im Schlaffilm von Marie. Der mysteriöse Pate Drosselmeier lässt die Puppen tanzen. Klein-Marie wird groß und verhilft ihrem Nussknacker samt Spielzeugsoldaten zum Sieg im Kampf mit dem Mausekönigsheer. Schließlich wandelt sich der Held zum Prinz für Marie im Zuckerland. Da drehen sich nicht nur Tänzer, da springt auch die Phantasie.

Schafft Gordienko mit reichlich Schneefall und bürgerlicher Weihnachtsfeier Stimung fürs Gemüt, gelingt ihm mit der gespenstischen Mäuse-Schlacht zur Geisterstunde hoffmansker Spuk. Pantomime bleibt ein Adjektiv im Rahmen dieser Visionen, ihre Substantive sind die Tänze. Gordienko zeigt, dass der Blumenwalzer auch mit nur fünf Paaren noch attraktiv ist. Die Nationaltänze funktionieren im Minimum von Duo oder Terzett. Und im Szenario greifen Niedlichkeit wie Spielfreude jüngster Tanz-Eleven, voran Emily Preißlers kleine Marie. Wenn die Flöckchen den Schneeflocken-Walzer beginnen und gleichsam erwachsen werden durch die Profis, ist das schon eine romantische Metapher. Derart traute spielerische Atmosphäre geht auch von Ronald Winters Bühne mit Festzimmer, Wald und Figuren-Karussel sowie von Claudia Kuhrs Bilderbuch-Kostümen aus.

Choreographisch tanzt die Tradition, die Ästhetik der Spitze. Arabesken, Jetes, Touren, Pirouetten, die Posen der Arme, die bewährten Figurationen der Paare mit Hebungen und Drehungen bis hin zum formalen Grand Pas de deux bilden die Sätze der Körpersprache.

Das schon wieder vielfach neu besetzte Ensemble zeigt sich in Form, bietet in den Divertissements nationale Tanzbonbons. Nadya Prostota als Marie und Igor Voloshyn als Prinz stellen im Dialog des Grand Pas intensiv und elegant Schaustücke klassischen Balletts aus. Ätherisch strahlt Eliza Kalchevas federleichte Zuckerfee, ein tänzerisches Praliné. Vladislav Koltsov als Drosselmeier mit der Allüre eines Magiers. Greta Giorgi eine reizende Colombina, Maxim Perju aggressiv als Mausekönig.

Ein Bilderbuch aus der Tanzhistorie wird aufgeblättert und erzählt wie in alten Zeiten. Starker Premierenbeifall. Allerdings, geschuldet den Finanzen des Hauses, kommt Tschaikowski aus der Konserve. Da fehlt jenes direkte Pulsieren, das Klang und Tanz verwebt. Schade!


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