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Schüler-Tanztheater bringt Eigenproduktion heraus : Die mit den Steinen tanzen

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Stein und Tanz: Das Schüler-Tanzensembles "Lysistrate" des Schweriner Goethe-Gymnasiums haben sich für ihre Produktion "Bruchstücke" eine der rätselhaftesten Figuren der Kunstgeschichte ausgesucht.

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erstellt am 29.Mär.2012 | 07:46 Uhr

Schwerin | Da ist er, "Der Kuss". Für Augenblicke ist die berühmte Skulptur von Camille Claudel (1864 bis 1943) zu sehen, oder auch "Der Walzer"… Dann wieder durchmessen die fünf Tänzerinnen und ihr männlicher Gegenpart wieder das Foyer der Aula - zwischen Fragmenten von Gasbetonsteinen, halbmeterlang, kiloschwer, scharfkantig.

Stein und Tanz, Bildhauerei und Bewegung: Die Zwölftklässlerinnen des Tanzensembles "Lysistrate" des Schweriner Goethe-Gymnasiums haben sich für ihre neueste Produktion "Bruchstücke" eine der rätselhaftesten Figuren der Kunstgeschichte ausgesucht. Camille Claudel, die ihr halbes Leben in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte, einen Großteil ihrer Werke wieder zerschlug und als Bildhauerin doch ebenbürtig neben Auguste Rodin steht, der ein Jahrzehnt lang ihr Lebensgefährte war - und sicher auch ein Stück weit ihr Verhängnis.

Den Rodin tanzt Robert Will. "Wir hatten erst gar keinen Mann dabei", sagt Silke Gerhardt, Lehrerin am Goethegymnasium und Gründerin von "Lysistrate". Den Camille-Claudel-Stoff zu vertanzen, sei ihr langgehegter Wunsch gewesen, erläutert die Lehrerin, die auch Vize-Bundesvorsitzende des Bundesverbandes Theater in Schulen (BV.TS) ist. Seit 20 Jahren gibt es das Schüler-Tanztheater, mehrfach ist "Lysistrate" als Vertreter von Mecklenburg-Vorpommern zum jährlichen Bundes-Schultheatertreffen eingeladen worden. Im nächsten Jahr findet dieses "Schultheater der Länder" in Schwerin statt. "Die Organisation ist angelaufen, das Staatstheater ist mit im Boot - wir warten nur noch auf die Zusage des Geldes durch das Kultusministerium", sagt Gerhardt.

Aber erstmal will "Bruchstücke" zur Preniere gebracht werden. Am 30. März ist der große Abend. Nach dem Konzept, dass Schultheater dann die besten Ergebnisse bringt, wenn die betreuenden Lehrer möglichst wenig Vorgaben machen und das gemeinsame Erarbeiten der Stücke ebenso ein Ziel ist wie die Premiere, ist auch "Bruchstücke" entstanden. "Silke sagte: Ihr könnt euch den Stoff ja mal angucken", berichtet Tänzerin Lisa Prochnow. Und Camille Claudels Lebensgeschichte, die Tragödie einer Künstlerin in einer Zeit, die Frauen keine künstlerische Eigenständigkeit zugestand, faszinierte Christin Fuchs, Luise Kirsten, Anna Köhn, Lisa Prochnow, Marleen Werner - und Robert Will.

Ohne Mann ging es dann doch nicht. Denn natürlich muss ein Tanztheaterstück über Camille Claudel auch die Amour fou zwischen der jungen, hochtalentierten Bildhauerin und dem fast ein Vierteljahrhundert älteren Auguste Rodin enthalten, der Claudels Lehrer und Liebhaber wurde. "Wir haben alle den Film gesehen", sagt Lisa und meint Bruno Nyuttens "Camille Claudel", der durch das kongeniale Zusammenspiel von Isabelle Adjani (Claudel) und Gerard Depardieu (Rodin) 1988 weltweit Aufsehen erregte. Unter anderem dieser Film und auch das Buch "Der Kuss - Kunst und Leben der Camille Claudel" von Anne Delbee lieferte dem Ensemble die Grundlage für die eigene Auseinandersetzung mit der Figur der Künstlerin, aber auch dem Thema Bildhauerei. "Was hat die Kunst der Bildhauerei mit der Kunst des Tanzes zu tun? Beides ist ein Prozess - beides fängt eine Bewegung ein" sagt Lisa Prochnow. Die fertige Plastik wirkt ewig, der tänzerische Moment dagegen geht sofort vorüber.

Weiter in der Probe: Sie sprechen, die getanzten Bilder. Da steht er, der Mann, Statue seiner selbst, auf einem Sockel, die Frau zu seinen Füßen, hingegossen, unterworfen. Ein Opfer an seinem Altar? Während die Camille-Tänzerinnen mit sich und dem Stein kämpfen, scheitern und dem Wahnsinn näherrücken, immer wieder "Benimm dich, Camille" rufen, "Schau dir deine Hände an" oder "Camille, du bist eine Frau" schreien, wirkt der Rodin gelassen, konzentriert, bei sich. Er darf und kann schaffen, sie muss kämpfen und zerbricht daran.

Neben den sechs Akteuren sind stets auch mindestens ebenso viele Gasbetonsteine auf der Bühne, was bei den Tänzerinnen zu reichlich blauen Flecken führt. Man habe auch andere Materialien angedacht, sagt Luise Kirsten, "aber es wirkt hervorragend als Bühnenbild. Er ist unsere einzige Requisite und der Stein war wichtig in Claudels Leben."

Am Ende wird aus dem Material, in dem schon das Kind Camille die faszinierenden Formen ahnte, die sie daraus befreien könnte, die Mauer der Nervenheilanstalt, in der die eigene Krankheit, aber auch der Übelwillen der Familie die Künstlerin ein halbes Leben festhalten wird.

"Bruchstücke", Premiere

Heute, 30. März 2012, 19.30 Uhr,

Aula-Foyer des Goethe-Gymnasiums

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