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„Die Menagerie der Medusa“ in Schwerin : Die düstere Welt des Schlangeschnüfflers

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Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin: Der Maler Otto Marseus van Schrieck trieb das ästhetische Vergnügen am Schrecken zu faszinierender Blüte

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erstellt am 06.Jul.2017 | 11:45 Uhr

Diese Schlangen. Immer reißen sie das Maul auf. Schlängeln sich an ihr Opfer heran. Wollte man ihren Ausdruck vermenschlichen, könnten einem Worte einfallen wie gnadenlos, gierig, giftig. Im nächsten Augenblick werden diese gemeingefährlichen Nattern einen Schmetterling verschlingen oder über einen Salamander herfallen. Während am Rande dieser düsteren Naturdramen allerlei Getier dem Fressen und Gefressenwerden zuzuschauen scheint. Was weiter hinten im Dunkel noch so rumkreucht, will man gar nicht so genau wissen. Willkommen in der Welt des holländischen Malers Otto Marseus van Schrieck!

Otto wer? Dieser Stilllebenmaler, der um 1619 in Nijmegen geboren wurde und 1678 in Amsterdam starb, war ein visionärer Künstler. Im 17. Jahrhundert erwachten die Naturwissenschaften aus ihrem antiken und mittelalterlichen Heidenschlaf. Bis dahin als Ungeziefer deklassierte Lebewesen wie Insekten, Schnecken, Schlangen, Muscheln, Käfer und Spinnen wurden auch mit Hilfe des gerade erfundenen Mikroskops seziert, studiert und gleichberechtigt in den Reigen der Schöpfung aufgenommen. Vorher glaubte man, sie seien aus Schlick und Schlamm quasi spontan erzeugt. Kein Platz für sie auf Noahs Arche.

Damals erfand Otto Marseus van Schrieck das Stillleben neu. Wobei dieser Begriff angesichts des tierisches Gewimmels auf Diesteln, Blumen und Unkraut etwas verwirrend klingt. Heute hat sich für diese Gemälde der Begriff „Waldbodenstillleben“ durchgesetzt, als deren Erfinder unser alter Holländer gilt.

<p>Otto Marseus van Schrieck, Waldboden mit blauen Winden und Kröte, 1660, Öl auf Leinwand</p>

Otto Marseus van Schrieck, Waldboden mit blauen Winden und Kröte, 1660, Öl auf Leinwand

Foto: Repro: Staatliches Museum Schwerin, E. Walford/Bonn, LVR-Landesmuseum
 

Was war das für ein Mann? Ein Sonderling, der in den feuchten Wiesen vor den Toren Amsterdams Schlangen und Echsen züchtete, um sie naturgetreu abmalen zu können? Dieses seltsame Gebaren hatte ihm bei seinen Künstlerkollegen den Spitznamen „Schnüffler“ eingetragen. „War der ganz dicht?“, fragt auch Gero Seelig, der Kurator dieser ungewöhnlich reichen Schau. „Stillleben werden doch mit etwas Schönem verbunden.“ Marseus dagegen lässt eine verfluchte Menagerie aus Amphibien, Chamäleons und Insekten aufmarschieren.

Seelig denkt, dass dieser lange vergessene Maler kein Kauz war. Im Gegenteil. Er wandelte als einer der ersten auf Pfaden zwischen Kunst und Wissenschaft. Ein Gedanke, den wir eher mit zeitgenössischer Kunst in Verbindung bringen, und nicht mit einem Barockmaler.

Kunstwissenschaftler Seelig hat um die sieben Marseus-Gemälde aus dem Bestand des Staatlichen Museums weitere Werke dieses Meisters sowie seiner Zeitgenossen und Nachahmer gruppiert. Zudem ist es ihm gelungen, kostbare Bilder aus Museen wie den Florentiner Uffizien, den wichtigsten niederländischen Kunsttempeln oder von privaten Sammlern auszuleihen. Aus Brno kommt der Clou der Ausstellung: Peter Paul Rubens grandios-erschütterndes Gemälde „Das Haupt der Medusa“, wohl erstmals in Deutschland zu sehen. Doch um die Bemitleidenswerte zu treffen, wollen wir bis zum Ende des Rundgangs warten.

Marseus war, wie man heute sagt, gut vernetzt und geschätzt in Politiker-, Forscher- und Künstlerkreisen. Er lebte viele Jahre in Italien. Die Medici mit ihrer Vorliebe für Alchemie und Gegengifte sammelten seine Werke. „Sie waren verrückt nach Marseus“, so Seelig. Als der florentinische „Thronfolger“ Cosimo de’ Medici Amsterdam besuchte, empfing er als ersten Künstler nicht etwa Rembrandt, sondern Marseus, dem er weitere Bilder abkaufte.

Die Faszination seiner Zeitgenossen für seine einzigartigen Gemälde, der auch wir Heutige uns nicht verschließen können, rührte nicht nur von seinem Konzept, selbst dem Schrecken und Düsteren ästhetisches Vergnügen zuzusprechen und ganz bewusst gegen geltenden Geschmack anzumalen. Natur betrachtete er als Künstler und Naturforscher zugleich, er war bei aller Fantastik seiner Bilderfindungen immer auch auf biologische Korrektheit bedacht. Gero Seelig ist sich sicher, das Fachleute jedes Tier, jede Pflanze auf den Gemälden Marseus’ noch heute identifizieren könnten.

<p>Otto Marseus van Schrieck, Waldboden mit Ringelnatter und Eidechse, 1669, Öl auf Leinwand</p>

Otto Marseus van Schrieck, Waldboden mit Ringelnatter und Eidechse, 1669, Öl auf Leinwand

Foto: Repro: Staatliches Museum Schwerin, E. Walford/Bonn, LVR-Landesmuseum

Bei allem Realismus hatte dieser Künstler aber auch großes Vergnügen am Ver- und Entschlüsseln. Von der Schlange, der alten Verführerin, die zugleich an Urängste rührt, müssen wir gar nicht erst reden. Die Kunstwissenschaftlerin Karin Leonhard beschreibt in dem prächtigen Katalog zur Schweriner Ausstellung das Chamäleon als ein Symbol für die Elemente Luft und Geist, Kröten und Schlangen dagegen als Symbole für die Erde. Auf Gemälden des Marseus kämpfen Schlangen gegen Chamäleons, Nattern verschlingen Schmetterlinge, obwohl das in der Natur gar nicht vorkommt. Und allein am Hauptwerk der Schweriner Marseus-Sammlung, dem „Waldboden mit blauen Winden und Kröte“, könnten sich ganze Generationen von Kunststudenten abarbeiten. Blau, die Farbe der Muttergottes? Eine Blume „offensichtlich als strahlende Gegenspielerin zur phlegmatischen Natur der Kröte und der kalten Feuchte der Erdgrube ins Bild eingeführt“?

Doch so weit müssen Besucher der Ausstellung gar nicht gehen. Es gibt über die insgesamt 50 Gemälde hinaus, davon 29 von Marseus, jede Menge zu entdecken: Präparate von Schmetterlingen und Schlangen in Alkohol, riesige Folianten mit zeitgenössischen naturkundlichen Tafeln, in denen man in einem Lesesaal virtuell blättern kann, Grafiken, die das wissenschaftliche Leben der damaligen Zeit in Botanischen Gärten, Naturalienkabinetten oder Anatomischen Theatern anschaulich machen.

Nicht zuletzt steuerte der Schweriner Zoo zwei echte Erdkröten bei, wie sie Otto Marseus van Schrieck mit Vorliebe malte.

Und dann wartet sie, die „Medusa“ von Rubens, die der Ausstellung ihren Namen „Menagerie der Medusa“ gab. Selbst Rubens-Spezialisten ist dieses Bild aus der tschechischen Moravská-Galerie Brno kaum bekannt. So wie man nach Krakau fahren muss, um die „Dame mit dem Hermelin“ zu sehen oder in den Louvre zur „Mona Lisa“, sollte man in den kommenden Wochen allen Mut zusammennehmen und der Medusa mit dem abgeschlagenen Schlangenhaupt in die entsetzten Augen zu schauen. Träumen Sie schön!

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