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Desaster eines Elternabends

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erstellt am 30.Okt.2012 | 11:55 Uhr

Schwerin | Kampfplatz Schule. Diesmal sind nicht die Schüler aggressiv. Eltern rebellieren gegen die Lehrerin. Zeugnisse, von denen der Übergang zum Gymnasium abhängt, stehen bevor. Jetzt schlechte Noten, und die Loser-Schule droht und mit ihr dunkle Zukunft für die Kinder. Daran sei die Unfähigkeit von Frau Müller schuld, die Goldkinder richtig zu beurteilen. Diese aber, egal wie, müssen durchkommen. So haben die Beschützer beschlossen zu verlangen, dass die Lehrerin die Klasse abgibt. Man sagt es ihr ins Gesicht. Was zum Streit führt, aber auch unerwartete Folgen hat.

Mit "Frau Müller muss weg" stellt Lutz Hübner (48) - gefragter Dramatiker mit Gespür für gesellschaftliche Konflikte der Gegenwart - das Desaster eines Elternabends als scharfe Komödie vor. Wird anfangs geballt ums Wohl der Schüler agitiert, bröckelt die Front der Eltern, verlieren sie die Fassung, als die Lehrerin ihnen die Augen über ihre Kinder öffnet. Zunehmend brechen Widersprüche zwischen den Empörten und ebenso in ihnen auf. Westler und Ostler geraten aneinander mit ihrer Vorprägung. Die Beziehung einer Mutter zu einem verheirateten Vater wird offenkundig, daneben eine dissonante Ehe. Eigentlich müssten einige Eltern weg, nämlich von ihrer Egomanie.

Mit scharfer Zunge im rasanten Dialog hat Hübner Klischees so formiert, dass sie dem Leben zum Verwechseln ähnlich sind. Beate Rothmann hat bei ihrer Inszenierung im Schweriner E-Werk Hübners Wortwitz in Spielwitz transponiert, bedient kräftig seine Ironie. Sie gibt den Spannungen Rhythmus: Anschwellen und Abschwellen, forte und piano. In diesem Biotop für Schauspieler können die Akteure mehr entwickeln als nur Typen. Sonja Isemer ist eine Lehrerin, die nervös ihre Haare zwirbelt, mit Tränen und brüchiger Stimme kämpft, mit Sprechautomatik sich wehrt, zwischen Verletztsein und Selbstbehauptung aufrecht bleibt. Brit Claudia Dehler gibt die smarte, amtsgewiefte Führungsfrau, der strategische Wechsel vertraut sind. Katrin Heller explosiv als ebenso resolute wie hysterische Ehefrau. Anja Werner nuanciert als zurückhaltende Mutter, sensible, dennoch konsequente Alleinstehende, die eine Affäre mit dem Verheirateten kühl beendet hat. Kai Windhövel ist ein deftiger Ossi-Kumpel unter Volldampf, cholerisch infolge Arbeitslosigkeit und versetzter Liebe. Özgür Platte als pragmatischer Wessi, der im Osten den Job sieht und seine nervige Frau stoisch aushält. Farbige Figuren mit doppeltem Boden.

"Wissen ist Macht", steht riesig an der Wand des nüchternen Klassenraums von Holger Syrbe, der auch erzählend kostümiert hat. Gleichsam wird diese Parole mit Bissigkeit und Lust hinterfragt: welches Wissen, welche Macht? Viel zum Lachen über ein gar nicht lachhaftes Thema.

Nächste Termine: 1. und 16. 11. 19.30 Uhr im E-Werk Schwerin.

Karten: Telefon (0385) 5300123;

Email: kasse@theater-schwerin.de

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