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Schriftsteller Stefan Heym vor 100 Jahren geboren : Der unruhige Jahrhundertgeist

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Heute vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Stefan Heym in Chemnitz geboren. Holger Kankel konnte ihn in den frühen 90er-Jahren interviewen. Unser Redakteur erinnert sich an einen großen Querdenker.

svz.de von
erstellt am 09.Apr.2013 | 05:54 Uhr

Schwerin | Einmal konnte ich Stefan Heym interviewen. Was mir bei Heiner Müller und Christa Wolf leider nicht gelungen ist. Am Morgen nach einer Lesung in Schwerin ertrug der Vielgefragte meine Fragen beim Frühstück. Es war in den frühen 90er-Jahren. Natürlich ging es vor allem um Deutschland und die gewesene Republik. Wohl weniger um Literatur.

An den genauen Inhalt des Interviews erinnere ich mich nicht mehr, vielleicht gibt es noch irgendwo im Stefan-Heym-Archiv in Cambridge eine Kasette mit diesem Gespräch. Denn bevor ich meine erste Frage stellen konnte, schaltete der Verehrte sein Diktiergerät ein. Das tat er grundsätzlich. Warum? Vielleicht, weil der Publizist, der er auch war, gelungene Antworten für eine spätere Veröffentlichung speichern wollte. Vielleicht war es auch eine Gewohnheit aus den Jahrzehnten der Bespitzelung durch die Stasi, die ihm nur allzu gern das Wort im Munde herumgedreht hätte.

Dass sein umfangreiches Archiv übrigens nicht in seiner Geburtsstadt Chemnitz oder in Berlin lagert, sondern in England, begründete er 1993 so: "Ich frage mich manchmal, was in einem Land, wo Menschen lebendig verbrannt werden, dann erst mit Papieren geschehen kann." Heyms Reaktion nach den Brandanschlägen auf das Asylantenheim in Rostock-Lichtenhagen.

Da haben wir ihn wieder, den großen Querdenker und Kritiker, der sich von niemandem den Mund verbieten ließ. Schon der 16-jährige Helmut Flieg, als der Heym am 10. April 1913 in Chemnitz geboren wurde, musste seine Heimatstadt wegen eines Gedichts verlassen. Es hieß "Exportgeschäft" und prangerte deutsche Waffenexporte an. Er ging nach Berlin. Dort lernte er nach dem Abitur als Jung-Journalist bald die Reporterlegende Egon Erwin Kisch und andere linke Publizisten kennen.

Sie verhalfen ihm nach dem Reichstagsbrand im März 1933 zur Flucht nach Prag - und machten ihn damit wenige Monate nach Hitlers Machtergreifung zum jüngsten Emigranten. Ohne diese Flucht wäre er, der linke Jude, wohl "als Wölkchen über Auschwitz geendet", wie er einmal sagte.

In Prag legte er sich das Pseudonym Stefan Heym zu, unter dem er 1935 in die USA ging und nach dem Zweiten Weltkrieg als Schriftsteller bekannt wurde. Nach Deutschland kehrte er in der Uniform eines US-Soldaten zurück. Bald wurde er jedoch wegen "prokommunistischer Haltung" zurückversetzt. 1952 gab er aus Protest gegen den Koreakrieg der USA alle militärischen Auszeichnungen zurück und ging in seine neue Wahlheimat Ost-Berlin - ein heimgekehrter Emigrant der etwas anderen Art.

In Amerika war er mit Romanen wie "Hostages" ("Der Fall Glasenapp") und "The Crusaders" ("Der bittere Lorbeer") zum Bestsellerautor geworden. Aus den USA brachte er auch seine Überzeugung mit, "dass man im Kampf gegen Mächtige jede zur Verfügung stehende Öffentlichkeit und jede wie immer geartete Möglichkeit, die das Gesetz bietet, ausnutzen muss".

Das tat Stefan Heym sein Leben lang. Und wenn Bücher wie das Funktionärs-gleichnis "Collin" oder "Fünf Tage im Juni" über den 17. Juni 1953 oder "Der König David Bericht" nicht oder erst Jahre später und dann in Mini-Auflagen in der DDR erscheinen konnten, veröffentlichte er eben im Westen, wo er zum meistgelesenen DDR-Schriftsteller avancierte.

Getreu dem Böll-Motto, dass nur derjenige keinen Ärger bekommen kann, der keinen Ärger macht, blieb dieser kleine Mann mit dem weisen Uhu-Gesicht in zwei Dutzend Büchern, in Essays, Artikeln und Interviews seinen Themen Demokratie und Sozialismus, Geist und Macht ein Leben lang treu. Sich nicht einzumischen war ihm nicht gegeben. Auch wenn er dafür aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde oder 1994 als Alterspräsident des Bundestages während seiner Eröffnungsrede von der CDU/CSU-Fraktion mit Missachtung bedacht wurde.

Auf der anderen Seite war die Liebe seiner Leser, die zuweilen einer Art Vergötterung gleichkam, etwa als er als "Nestor der friedlichen Revolution" vor Hunderttausenden am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz sprach: "Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen." Und dann, als der Applaus abgeklungen war: "Aber frei sprechen und aufrecht gehen, ist nicht genug, lasst uns auch lernen zu regieren…"

Als ich dieser Tage an der langen Reihe von Stefan-Heym-Werken in meinem Bücherregal vorbeiging, nahm ich meine beiden Lieblinge wieder einmal heraus, den "König David Bericht" und "Immer sind die Weiber weg". Vielleicht, und wahrscheinlich irre ich mich, sind das die Bücher Stefan Heyms, die auch in 100 Jahren noch gelesen werden.

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