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Rockballett „HardBeat“ : Der Tanz brennt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das Rockballett „HardBeat“ feierte im Mecklenburgischen Staatstheater vor begeistertem Publikum seine Uraufführung

svz.de von
erstellt am 07.Apr.2014 | 11:57 Uhr

Wenn der barocke Vorhang hoch ist, kommen die Rocker. Sie nahen wie Schatten im Gegenlicht mit Rammsteins dunkler Ballade „Mein Herz brennt“, und als Schatten werden sie gehen, dann ganz leise wieder. Dazwischen aber bewegt „HardBeat“, Sergej Gordienkos Rockballett bei der Uraufführung im Mecklenburgischen Staatstheater, was Rocker umtreibt: Freiheitsdurst, selbst wenn er in Gewalt und Vergewaltigung umschlägt, wilde wie zarte Beziehungen der Geschlechter, Eventsucht, Enthemmung. Und auch, ja, auch Romantik, Sehnsüchte, was seit je ein Kontra war gegen die Alleinherrschaft der Vernunft.

Konkret oder assoziativ hat Ronald Winter Schweriner Plätze wie den Burggarten, den Raver-Ort Kongresshalle, die Freilichtbühne und das Theater als Spielorte markiert. Wo Gordienko im Klima der Meute von der Rivalität zweier Jungs um ein Mädchen erzählt, von spontaner Sympathie, Eifersucht, Rache, von Schmerzen hin zu einem Happy End. Dabei schafft er aufgeheizte Atmosphäre und visionäre Bilder: ein zirzensisches Duell mit Messern in der Luft, ein Mädchen-Opfer-Ritual, das an Strawinskys „Sacre“ erinnert, den wogenden Wahn eines Verlassenen, den Körperjubel eines Paars im Glück unter schwebenden Victorienfiguren.

Vor allem aber lodert der Tanz. Mal befeuert von brachialen Rammstein-Rhythmen, von Metallica-„Thunderstruck“-Hitze, von AC/DCs Powerchords in „Highway To Hell“. Mal beruhigt von Rammsteins gespenstischer Lyrik, dem sanften „You are so beautiful“ von Joe Cocker oder von Skunk Anansies „Just Because You Feel Good“.

Rammstein-Musiker haben den Begriff „Tanzmetall“ geprägt, Gordienko choreographiert ihn mit Kontrasten. Zu Beat und Offbeat, das ist ungewöhnlich und spannend, sind ganz klassische Pirouetten und Jetes wie deren Varianten zu sehen. Daneben die Akzente der Tanzmoderne, hochtourig beckengesteuerte Kontraktion und Lösung der Körper, mit scharfen, stoßartigen Zeichen, abrupten Wechseln von Schritt, Sprung, Fall. Unter Lichtgewittern und mit spektakulärem Feuerwerk. Beleuchtet werden Emotionen. Die Skala zwischen Verletzung und Erfüllung durchlebt Anne-Frédérique Hoigne als Dana so intensiv wie fließend. Wenn in dem Rockromantik-Song „Ohne dich“ ihr Freund Jay kopfüber himmelwärts hängt, flattert sie am Boden wie ein wunder Vogel, Hoigne berührt. Ivan Kozyuk gestaltet Jay mit der Attitüde des fühlenden, energischen Retters, dessen Herz edel brennt. Aggressiv tanzt Igor Voloshyn den Smok mit den Posen des angemaßten Kings, der außer sich gerät, schließlich enttäuscht, zerknirscht aufgeben muss, eine starke Performance. Exzessiv provokant zeigt Maxim Perju den Freaky gleichsam als eine Art bösen Narren. Das Ensemble, schwarze Augen und mit Szene-Klamotten schwarz gerüstet von Claudia Kuhr, fährt in den Gruppen immer wieder heiß ab im Rockerfieber. Es brennt auch der Tanz.

„HardBeat“ ist Tanztheater, in dem rebellische Musik, Lebenshunger und auch ein bisschen Lebenserfahrung sich verbinden.

Ohne Zugaben ging die Premiere am Sonnabend nicht ab. Das Beifallslevel des Publikums war den Dezibels einer Kiss-Nummer ebenbürtig. Viel Krach im seriösen Haus? Nö, ein Kracher im Theater.












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