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Premiere Film Lichtenhagen : Der Schatten über Rostock

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Morgen startet der Kinofilm „Wir sind jung. Wir sind stark.“ über die Pogrome in Lichtenhagen / Ein beeindruckender Film und eine ehrliche Diskussion nach der Premiere

Nach genau zehn Minuten fällt das seltsame Kunstwort, das derzeit Deutschland spaltet. Und dann während der gesamten Diskussion nicht mehr. Obwohl es unausgesprochen im Raum steht, dieses Wort. Denn in dem Kinofilm „Wir sind jung. Wir sind stark.“, der am Montagabend im Rostocker Kino Wundervoll seine Premiere erlebte, geht es genau um das, was in diesem Wort mitschwingt. Um Hass und Gewalt. Um Zukunftsängste und Manipulation. Um persönliche und politische Krisen in unsicheren Zeiten. Um Opfer, die zu Tätern werden.

Der Film des 34-jährigen Regisseurs Burhan Qurbani, in Halle gedreht und fast ausschließlich in Schwarz-Weiß gehalten, beginnt in einer apokalyptischen, leeren Neubaulandschaft – eine Tarkowski-Szene. Ein Auto brennt. Müll und Dreck überall.

Dann erscheinen auf der Leinwand Sätze, deren Bilder 1992 die Illustration für jene Schlagzeilen liefern sollten, die als „Schande von Rostock“ um die Welt gingen. In der Nacht des 24. August 1992 setzten mehrere hundert Jugendliche unter den Augen von Fernsehkameras und Journalisten aus aller Welt und dem Beifall und den Anfeuerungsrufen von über 3000 Zuschauern ein Asylbewerberheim in Brand, in dem  sich noch     120 Vietnamesen aufhielten. Der Höhepunkt von vier bürgerkriegsähnlichen Tagen und Nächten im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen.

Dann erzählt der Film in immer neuen, kurzen Szenen, in einer Art Countdown, von den Akteuren jenes 24. August: einer Clique junger Rostocker, die mit Bier und Langeweile in den Tag hineinleben. Politisch weder rechts noch links. Mal grölen sie ein Nazilied, mal die „Internationale“, als sich einer von ihnen umbringt, auch den „Kleinen Trompeter“. Sie sehen keine Perspektive in dem neuen Land für sich, das sich erst finden muss und das noch nicht das ihre ist. Wut im Bauch. Sich spüren wollen. Liebeskummer, Angst vor der Zukunft und keine Perspektive. Zwischen „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „…der werfe den ersten Stein“.

Auf der anderen Seite ein überforderter Lokalpolitiker (Devid Striesow) und die Vietnamesin Lien, die im Sonnenblumenhaus wohnt und gerade ihre unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland bekommen hat. Sie lebt schon lange im Land und ist sich angesichts des Mobs unten vor dem Haus sicher: „Die greifen uns nicht an, nur die Zigeuner.“

Das ist neben dem eindringlichen, wahrhaftigen, oft wie improvisiert wirkenden Spiel der jungen Darsteller eine der Stärken von Drehbuch (Martin Behnke) und Film, dass niemand verurteilt oder denunziert wird, keine Figur nur gut oder nur böse ist. Nicht die Jungs, die schließlich die Molotow-Cocktails auf das Sonnenblumenhaus werfen und randalierend durch die leeren Wohnungen ziehen, während sich die Vietnamesen verstecken. Nicht der Politiker, der sich anfangs in seiner Wohnung versteckt, und dann doch den entfesselten Mob aufzuhalten versucht. Nicht die Vietnamesin, die eine deutsche Kollegin in der Wäscherei an den Chef verrät.

Regisseur Qurbani, Deutscher mit afghanischen Wurzeln, erzählt, dass er mit seinem Team ein Jahr in Rostock recherchiert und mit Polizisten, Politikern und Einwohnern gesprochen hat. „Wir wollten all diese Menschen und ihre Entscheidungen verstehen, aber wegkommen von zu einfachen Erklärungsmustern: Nazis, Nichtnazis.“ Wut und Gewalt seien doch Teil unserer Menschlichkeit. Das dürfe man nicht sofort verurteilen. „Man muss miteinander reden, damit so etwas nicht noch einmal passiert.“

Eigentlich, so Qurbani, müsste der Film „Wir sind jung. Wir sind viel zu stark.“ heißen. Zu viel Kraft in einem Land, das den jungen Leute keine Angebote machte.

„Keine Angebote macht“, sagt in der Diskussion nach der Premiere eine Frau im Publikum, die während des Films den Saal erschüttert verlassen hat. „Ich arbeite mit Jugendlichen, die sind oft genau so wie die im Film, nur viel jünger und radikaler. Es ist schlimmer geworden. An Kinder- und Jugendarbeit wird überall gekürzt. Die jungen Leute treffen sich an Bushaltestellen und in alten Scheunen. Sie haben kein Mitgefühl für andere entwickelt. Da wächst was heran.“

Wolfgang Richter war damals Ausländerbeauftragter und flüchtete mit den Vietnamesen aus dem brennenden Haus. Er fand den Film „gespenstisch nah an den Ereignissen“. Das Widerliche, sagt er, waren nicht die Jugendlichen, sondern der Mob aus grölenden Erwachsenen, die die jungen Leute aufhetzten. Die Schuld könne man nicht immer Politikern anlasten. „Jeder Einzelne ist dafür verantwortlich, ob er Hass und Fremdenfeindlichkeit verbreitet oder unterstützt.“

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