Günther Uecker wird 85 : Der Mann, der mit dem Hammer meditiert

Günther Uecker wurde durch seine Nagelfelder berühmt – und seine verrückten Aktionen.
Günther Uecker wurde durch seine Nagelfelder berühmt – und seine verrückten Aktionen.

Weltbekannt wurde Günther Uecker als „Bild-Hauer“ durch seine Nagelbilder – heute feiert der auf Wustrow aufgewachsene Künstler seinen 85. Geburtstag

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13. März 2015, 07:39 Uhr

Jetzt ist Günther Uecker also doch im Museum angekommen. In seiner Wahlheimat Düsseldorf ist ihm gerade eine große Sonderausstellung im K20 gewidmet. Und in Schwerin spricht so mancher, wenn vom Erweiterungsbau des Staatlichen Museums die Rede ist, nur vom „Uecker-Flügel“, weil seine Werke darin unterkommen sollen. Er selbst hört das gar nicht gerne. „Sagen sie das nicht. Meine Künstlerkollegen machen sich schon lustig über mich.“

Aufgebrochen ist der 1930 im pommerschen Wendorf geborene und auf der Halbinsel Wustrow aufgewachsene Uecker ursprünglich, um die Kunst aus dem Museum heraus in die Welt zu tragen. Nach einer Lehre als Maler und Reklamegestalter studiert er ab 1949 Malerei an der Fachhochschule in Wismar und wechselt später an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Nach dem Aufstand des 17. Juni verlässt er 1953 die DDR.

Nach einer kurzen Zwischenstation in Westberlin geht er 1955 nach Düsseldorf, wo er sein Studium bei Otto Pankok, den er sehr verehrt, an der Kunstakademie fortsetzt. Schnell fasst Uecker Fuß. Erste Nagel-Bilder entstehen. Der Galerist Alfred Schmela ist zunächst gar nicht beeindruckt von diesen benagelten „Fußmatten“, wie er sie verächtlich nennt. Trotzdem richtet er Ueckers erste Einzelausstellung aus.

1961 erregt die Aktion „Weiße Zone“ dann Aufsehen. Mit einem Besen malt der Künstler einen weißen Kreis aufs Pflaster der Hunsrückenstraße vor der Galerie Schmela. Die Besucher treten in die feuchte Farbe und tragen „den weißen Raum der Stille“ in die Stadt. Der Anfang ist gemacht. Uecker ist als Mitglied der Gruppe Zero bald einer der bekanntesten Nachkriegskünstler. In Paris übernagelt er einen Flügel. In Bern bemalt er bei einer Nacht- und Nebelaktion Stämme eines ganzen Nadelwaldes mit weißer Farbe. Auf der ganzen Welt stellt er seine Werke aus. Von China bis Kuba.

Bekannt aber wird Uecker mit seinen „Nagelfeldern“ im wahrsten Sinne des Wortes als „Bild-Hauer“. In den 1960er-Jahren trifft er mit diesem ikonoklastischen Gestus den Nerv der Zeit. So wie Arnulf Rainer mit seinen Bildübermalungen, zerstört Uecker mit Nägeln das nach dem Zweiten Weltkrieg als überholt geltende Tafelbild und sucht nach neuen Spielfeldern. Die Kunst experimentiert damals mit einer neuen Sprache, will nach den schrecklichen Erlebnissen des Krieges die alte nicht mehr verwenden. Sie findet sie in der Abstraktion, in Happenings, Aktionen und neuen Ausdrucksformen. Der immer gleiche, meditative Schlag mit dem Hammer, sagte Uecker einmal, befreie ihn von rationalen Denkstrukturen. Der Nagel wird sein Markenzeichen. Jedes Jahr entstehen neue Arbeiten, über die Günther Uecker sagt: „Meine Felder sind meine Autobiografie.“

Doch es würde zu kurz greifen, vom „Nagelkünstler“ zu sprechen. Sind Ueckers Aktionen doch genauso wichtig in seinem Oeuvre. Kunst soll alle ansprechen. Nicht nur die Elite. Sie soll nicht in weißen, toten Räumen gezeigt werden, sondern lebendig sein, hinausgehen zu den Menschen auf die Straße. Das war ihm schon während seiner Zeit in der DDR klar geworden. Deswegen marschiert Uecker mit seinen Zero-Kollegen Heinz Mack und Otto Piene 1964 mit weiß geschminktem Gesicht und Zylinder beim Düsseldorfer Karnevalszug mit. Eröffnet 1967 die berühmt berüchtigte Aktionskneipe „Creamcheese“, in der er sein aus altem Schrott zusammengebasteltes „Terrororchester“ auftreten lässt. Oder er reitet 1978, da ist er schon selbst Professor, mit seinem Kollegen Klaus Rinke auf Kamelen in die Kunstakademie ein und treibt zwei Elefanten vor sich her.

Der junge Wilde von damals ist auch mit 85 nicht wirklich erwachsen geworden. Wer ihn einmal erlebt hat und weiß, mit welcher Vitalität er immer noch über sich und seine Kunst spricht, wird das ohne Zweifel bestätigen können.

Seiner alten Heimat Mecklenburg-Vorpommern ist er bis heute treu geblieben. Sein Atelierhaus im Sperrgebiet der Halbinsel Wustrow musste er zwar aufgeben. Wenn in Schwerin aber der Anbau des Staatlichen Museums erst einmal fertig ist, den Uecker durch sein Engagement tatkräftig unterstützt (unsere Zeitung berichtete), wird er ein sehr viel größeres Haus „in Besitz“ nehmen. Wenn er das im Grund auch nie wollte.

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