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Theater Schwerin : Der Idealist als Buhmann

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen wird am Theater Schwerin neu inszeniert

Ein Badearzt deckt einen Umweltskandal auf, verstößt damit gegen wirtschaftliche und politische Interessen und wird zum Buhmann gemacht. Das kommt einem reichlich bekannt vor. Ist aber kein Gegenwartsstück. Die Geschichte stammt von 1883. „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen scheint für alle Zeiten geschrieben.

In Schwerin wird der Klassiker jetzt von Chefdramaturg Ralph Reichel inszeniert. Kann man diese Fabel nicht einfach vom Blatt spielen? „Kann man bei historischen Stücken immer“, sagt Reichel, „und denken, die Zuschauer werden sich das schon übersetzen. Der Stoff ist natürlich aktuell, im Detail aber sind wissenschaftliche Erkenntnisse heute anders. Man muss Erzählgeschwindigkeiten ändern. Ansonsten sind wir dicht am Originaltext der ganz alten Fassung. Es ist spannend, mit dieser Sprache zu arbeiten. So haben wir in einem Monolog original Ibsen mit original heutiger Politikersprache verschränkt. Und ich wette, man merkt es nicht.“

Wie ist der Spielgestus, realistisch sozialkritisch oder doch mehr satirisch? Der Regisseur bekennt sich zur Ästhetik der realistischen Geschichte, „aber sie hat neben den dramatischen viele komödiantische, groteske, auch surreale Momente.“ Und die Presse kriegt auch ihr Fett weg? „Ja, das ist unvermeidlich“, lacht Reichel und betont, „das Stück ist ja medienkritisch, politikkritisch, und es ist auch eine Demokratie-Befragung.“

Den Badearzt Stockmann spielt David Emig. Er gehörte bis 2009 zum Schweriner Ensemble, ist danach – „das habe ich gebraucht“ – durch die Welt gefahren, hat freischaffend gearbeitet, für Theater Fotografie und Videos gemacht, war drei Jahre in Magdeburg engagiert und hat den Kinofilm „Der Tropfen“ gedreht. Ein Roadmovie über einen Wendeverlierer: „Ein Einzelgänger, ein Brüter“.

Emig freut sich: „Mit Ibsens ‚Wildente‘ habe ich aufgehört in Schwerin, für Ibsens ‚Volksfeind‘ wurde ich wieder eingeladen, das ist einfach schön.“ Ist da noch mehr dahinter? Er blinzelt: „Wer weiß, gerade werden doch die Brötchen neu gebacken.“ Nebenbei: „Man muss einfach ständig weiter lernen und wachsen am Theater.“

Also, jetzt ein klassischer Einzelgänger, wie kommt er dem fundamentalen Idealisten Stockmann nahe? Emig atmet durch: „Das ist schwer, man erspielt sich die Rolle Stück für Stück mit Lust und Freude. Der geht mit großem Glauben und Enthusiasmus vor, ein Wissenschaftler, der für die Gemeinschaft das Beste will, aber am Tisch seiner Theorie sitzen bleibt. Reine Idealisten sind Außenseiter, die es mit der Realität schwer haben. Solche Widersprüche sind guter Stoff für Schauspieler.“

Der Stockmann, meint Reichel, sei eine Art Kohlhaas, dessen gute Absicht sich durch sturen Fundamentalismus gegen ihn selbst kehrt. Emig denkt: „Wenn die Brüder in dem Stück, der Praktiker und der Theoretiker, wie Rädchen ineinander greifen würden, könnten sie ein tolles Team zum Wohle aller sein. Aber so ist es oft nicht in der Welt.“

 

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