Zwischen Baldrian und Probenstress : Das Riesending von Parchim

Ein wenig „Ganz oder gar nicht“: Mit vollem Körpereinsatz wagen sich die Männer auf die Bühne des „Chez Fine“.
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Ein wenig „Ganz oder gar nicht“: Mit vollem Körpereinsatz wagen sich die Männer auf die Bühne des „Chez Fine“.

Die „Pütter Bretter“ stehen vor ihrer ersten Premiere – ein Report

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26. Juni 2015, 12:00 Uhr

„Olaf, komm noch mal rauf“. Anne Ebel rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her, als sie merkt, dass einer ihrer sieben Darsteller auf der Bühne fehlt. „Olaf – jetzt kommt das Rumtigern auf der Bühne, für alle…“ „Aber ich hab doch nichts an“, meldet sich eine schüchterne Stimme aus dem Off. Augenblicke später spaziert dann auch Olaf in seiner roten Latzhose mit auf der Bühne herum.

Hannelore Voigt, die den Olaf spielt, gibt unumwunden zu, dass sie nervös ist. Am Sonnabend werden die „Pütter Bretter“ mit „Das Riesending von Parchim“ ihre erste Premiere feiern. Ein halbes Jahr lang haben die Laienschauspieler daran geprobt, in dieser letzten Woche allabendlich zwischen 18 und 22 Uhr. „Heute hat Jessica, also Genadi, das ,Please‘ vergessen, das ich mir für meinen Einsatz gemerkt habe – und schon war ich aus dem Konzept“, gesteht Hannelore Voigt, die „als Kindergärtnerin früher eigentlich jeden Tag Theater gespielt“ hat. Jetzt habe sie sich Baldrian gekauft, weil sie vor Aufregung nicht mehr einschlafen könne, verrät die 75-Jährige. Die Folge sei, das sie nun wie eine Diva lebe – sie komme morgens nicht vor zehn aus dem Bett, verrät sie mit einem schelmischen Lächeln. Aber unabhängig von aller Aufregung: „Es macht riesigen Spaß!“

Jeder ihrer „Schauspielerkollegen“ bereitet sich anders auf die Premiere in der Remise des Landratsamtes vor. Birgit Naxer, die abends die weibliche Hauptrolle Fine spielt und tagsüber als Ehrenamtskoordinatorin arbeitet, hat schon im Februar im Urlaub damit angefangen, ihren Text zu lernen. Dazu hat sie erst einmal alles mit dem Handy aufgenommen, sich dann immer wieder vorgespielt und dabei mitgesprochen. „das hat auf andere sicher komisch gewirkt“, meint sie. Später habe sie sich dann von einer sehr guten Freundin abhören lassen. „Früher in der Schule war es einfacher. Da hat man in der Pause schnell das Gedicht gelernt und seine Eins abgeholt“, gesteht Birgit Naxer. Als Fine aber habe sie recht viel Text, „wenn man alles nacheinander spricht, sind es 13 Minuten“ – jetzt könne sie nur hoffen, dass alles sitzt.

Michael Hahne hat keine Angst, Text oder Einsatz zu vergessen. Über einen Flyer, der in der Theatergaststätte auslag, sei er zu der Amateurtheatergruppe für Erwachsene gestoßen, erzählt der Architekt aus Below. Von Probe zu Probe hätte er mehr das Gefühl gehabt, süchtig nach dem Theaterspiel zu werden. Inzwischen sehe er jede Bewegung, jedes Stück auf der Bühne mit ganz anderen Augen. „Die Erfahrung, sich selbst etwas zu erarbeiten, die würde ich viel mehr Menschen wünschen“, meint der Darsteller des Gustaf. „Heute lassen sich viele ja nur noch berieseln…“

Michael Hahne wirkt wie ein Profi, als er sich auf der Bühne zuerst Mut antrinkt und dann mit einer geliehenen Videokamera seine „letzten Worte“ an die geschiedene Ehefrau aufnimmt. Anne Ebel und Marlene Eiberger haben nichts an seinem Auftritt auszusetzen. Die beiden jungen Frauen, die als Schauspielerinnen am Parchimer Landestheater engagiert sind, leiten die Bürgerbühne – in ihrer Freizeit. „Anne hat in dieser Woche morgens selbst Proben, ich zum Glück nicht“, erzählt Marlene Eiberger. Sie könne sich deshalb verstärkt um Beleuchtung und Bühnenbild kümmern – der Malsaal des Landestheaters gebe zwar Unterstützung, vorrangig aber kümmere sich die Laiengruppe selbst darum.

Den beiden Schauspielerinnen macht es sichtlich Spaß, zuzuschauen, wie sich ihre Schützlinge von Probe zu Probe steigern. „Manchmal biegen sich beide vor Lachen – eine Reaktion, die sie sich auch vom Parchimer Publikum wünschen. Schon zur Wochenmitte waren es nur noch Kleinigkeiten, an denen es zu feilen galt: Hier ein vergessener Halbsatz, da eine zu lange Pause, und nicht immer ist auch in den hinteren Sitzreihen zu verstehen, was vorne gesprochen wird. „Bemüht euch um mehr Souveränität“, fordert Marlene Eiberger. Birgit Naxer alias Fine versucht das und ruft die Schlüsselsätze aus ihrer letzten Szene noch einmal in den leeren Zuschauerraum: „Geht raus, seid gut. Wenn wir’s heute machen, weiß es morgen die ganze Stadt.“

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