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Das Leben oft runden, nie schließen

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erstellt am 18.Mai.2010 | 08:04 Uhr

Ludwigslust | Sie wollten "richtige Künstler" werden, vor 35 Jahren als Pädagogikstudenten an der Berliner Universität, und sie sind beides geworden: Kunstlehrer und Künstler, Hellmut Martensen in seinem Geburtsort Neustadt-Glewe, wo er sein Atelier hat, in Pampow bei Schwerin, wo er am Gymnasium unterrichtet und in Hamburg, wo er wohnt. Hartmut Hornung in Ludwigshof unweit von Ueckermünde und in Reichenbach im Vogtland, wo er eine Professur innehat. In der Kunst sind sie eigene Wege gegangen. Jetzt stellen sie zum ersten Mal gemeinsam aus: in der Burg von Neustadt-Glewe und in der Ludwigsluster Alten Post.

Die beiden Ausstellungen sind selbst eine Art Kunstwerk, mit Umsicht vom Kunst- und Kulturverein Ludwigslust organisiert, arrangiert von den Künstlern nach den verschiedenen Gegebenheiten der Räume, an zwei Abenden eröffnet. In der Burg erblühte ein sonst nicht genutzter Saal zu neuem Leben, allein das drängt zur Weiterführung.

Unterschiedlicher können zwei Werke kaum sein; indem sie hier an zwei Orten zusammentreffen, sieht sich der Betrachter Möglichkeiten heutiger Bildkunst gegenüber, die aus dem Traditionellen erwachsen sind und dennoch zu starkem Eigenen gefunden haben. Der Radierer Martensen wendet sich intensiv dem Gewachsenen in seiner Umgebung, Pflanzlichem, vornehmlich Blumenhaftem zu, um vom Abbild zum Symbol zu gelangen, von der Naturnähe zur Abstraktion, ohne jene jemals zu verlassen. Der Bildhauer Hornung dringt in seinen Hölzern zu einem der Oberfläche entkleideten Menschenbild vor, das in kühner Reduzierung auf das Wesentliche Zeichen von Grundhaltungen aufstellt.

So verschieden beider Werke sind, so eint sie doch das Prozesshafte des Vorgehens. Beide, nun über 50, sind noch immer auf dem Wege, erproben Neues, vertiefen die Botschaft. Martensen fand bei dem Philosophen Ernst Bloch die Erkenntnis: "Auch der gewachsene Mann wird sein Leben oft runden, nie schließen." Das gilt für beide Künstler. Die mit dem geistigen Schaffensvorgang identischen formaltechnischen Verfahren sind höchst aufwendig und individuell.

Für Hornung ist die Kettensäge ein "verlängerter Zeichenstift mit fräsenden Teilen", und er erinnert uns daran, dass die Plastik - so in der griechischen Antike, im Barock und Rokoko - farbig war, was er nicht allein mit breitem Pinsel, sondern, für Schwarz, auch mit dem Flammenwerfer bewältigt. Es ist ein expressives Anlegen von Holzschnitten in den Raum hinein. Dem Kundigen mögen Archaisches, Kirchners Skulpturen, Giacometti einfallen, aber die Hölzer und auch die übermalten Lithografien sind suggestiv genug, um spontan stark zu wirken. Die Köpfe in der Alten Post in freiem Umgang mit Porträtähnlichkeit lassen den Schaffensprozess zwischen Wegschlagen des Holzes und sich ändernder Färbung erkennen.

Auch Martensen ist ein Arbeiter in der Werkstatt. Er legt aufwendige und sehr eigenständige Anwendungen des Druckens von Kaltnadelradierungen vor. Nicht mit dem althergebrachten Stichel geht er in die Metallplatte, sondern mit dem Winkelschleifer und druckt die Serie "Metamorphosen" auf Collagen von gerissenen Japanpapieren, wobei unterschiedliche Farben auf derselben Platte je andere Klänge hervorbringen. Die beiden großen Tafeln in der Burg "Der Bote" und "Verblühte Landschaft", langwierig in Terpentinlasuren auf Wasserfarbenuntermalung entstanden, bieten ein Geflecht von Blüten und Blättern, von Stengeln und Gräsern, scheinbar nahe an der Natur, in Wahrheit aber Symbol von Entstehen und Vergehen.

Die diffizilen Techniken dieser beiden Künstler verharren nicht in formalen Spielereien; sie sind Ausdruck geistiger und seelischer Haltungen. Erfahrungen in der Kunst zu sammeln heißt zugleich, Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Es ist das Prinzip des Werdens und Sterbens überhaupt, das Martensen in seinem Radierwerk formgebend aufgefunden hat; es klingen dialektische Gesetzmäßigkeiten an wie Ruhe und Bewegung, Dasein und Verwandlung, Hell und Dunkel, Chaos und Ordnung.

So auch zwingt uns Hornung zu Einblicken. Mit seinen harten Werkzeugen, die er hochsensibel handhabt, legt er innere Befindlichkeiten frei, schält sie im wörtlichen Sinne heraus. Indem er oft bloßgelegte, ja verletzte Menschen zeigt, weist er - gleichermaßen in der Sprache seiner Kunst - auf Lebenshaltungen hin. "Hinter dem schönen Schein", stellt er fest, "verbirgt sich das geschundene Sein. Früher haben die Menschen sich vor der Staatsmacht versteckt, heute verstecken sie sich voreinander." Die Kunst handelt in Bildzeichen von solchen Dingen. Nach wie vor.

Bis 4. Juli. Alte Post Ludwigslust, donnerstags und freitags 15-19, sonnabends und sonntags 14-18 Uhr; Burg von Neustadt-Glewe, montags bis freitags 10-17, sonnabends und sonntags 10-16 Uhr

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