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Fotoserie aus Wismar : Das Leben - eine Wunderkammer

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Das Staatliche Museum Schwerin zeigt drei Foto-Serien des Wismarer Fotografieprofessors Knut Wolfgang Maron. Das Werk trägt den Titel "Ein Leben" und wird am Freitag eröffnet.

svz.de von
erstellt am 21.Feb.2013 | 10:37 Uhr

Schwerin | Das Foto einer alten Frau, die gebeugt, kraftlos und müde im Bad sitzt. Auf dem Bild daneben ihre gute Bluse, ordentlich auf einem Bügel am Kleiderschrank hängend. Sie wird sie wohl nur noch selten getragen haben vor ihrem Tod.

Landschaftsaufnahmen wie aus einer anderen Welt. Die Farben seltsam verblasst. Kaum Menschen oder Tiere, und wenn, schemenhaft. Verlassene Unorte.

Schwarzweiß-Fotografien, dicht an dicht gehängt, eine ganze Wand einnehmend. Kruzifixe, Madonnen, Skelette, Großstädte, Höhlenwohnungen, Schattenbilder. Kein Mensch, nirgends.

Blitzlichter auf die drei Foto-Serien, die das Staatliche Museum Schwerin ab morgen zeigt. Es ist die erste Retrospektive in einem Museum, die dem Werk des Wismarer Fotografieprofessors Knut Wolfgang Maron gewidmet ist. Titel "Ein Leben".

Wollte man ein anderes Motto für viele der Arbeiten finden, böte sich auch "Memento mori" an, der alte Vanitas-Gedanke von der Vergänglichkeit alles Irdischen, der in der Kunstgeschichte immer wieder auftaucht. Dafür finden sich in der Sammlung des Staatlichen Museums Beispiele. Einige kleine Grafiken aus dem eigenen Bestand und ein Gemälde mit den unvermeidlichen Vanitas-Symbolen, dem Totenschädel und dem Stundenglas, flankieren darum auch die aktuelle Ausstellung. Die erste Fotografie-Ausstellung des Staatlichen Museums seit 15 Jahren.

Eine weitere Linie führt von den über 200 Maron-Fotografien zur Schweriner Duchamp-Sammlung. Der französische Objektkünstler erhob ebenso wie Knut Wolfgang Maron profane Objekte in den Stand eines Kunstwerkes.

Als Vertreter der Subjektiven Fotografie ist Maron im Gegensatz zur Reportagefotografie nicht an Dokumentation interessiert. Er will experimentieren und nicht die Wirklichkeit wiedergeben, will mit Formen und Farben eine Fotografie komponieren. Dabei setzt Maron, Jahrgang 1954, nach wie vor ausschließlich auf die Möglichkeiten der analogen Fotografie, die gerade in den Vergrößerungen der digitalen immer noch überlegen zu sein scheint.

Die Serie "Bilder über Landschaften", begonnen 1979 und entstanden an der Ostsee und in der halben Welt, kommt dem Anspruch der Subjektiven Fotografie, nichts als Kunst zu sein, am nächsten. Fotografiert mit der Polaroidkamera und dann vergrößert und stark bearbeitet, sind diese Landschaften fast nur noch Licht und Schatten und Struktur. Felsenfurchen, Äste, Wege, Bäume, Reusen. Traumlandschaften, in denen die Erinnerungen wandeln können.

Die Serie "Von Profanem und Heiligem", im Halberstädter Dom, aber auch außerhalb der Kirchenmauern fotografiert, lenkt den Blick auf leicht zu übersehende Details und setzt sie durch die enge, massenhafte Hängung in Beziehung zu völlig anders gearteten, aber ähnlich strukturierten Objekten. Ein geradezu fotografisches Vexierspiel.

Gerade die titelgebende Serie über Marons Mutter kommt der herkömmlichen Dokumentarfotografie noch am nähesten.

Das Projekt entstand eher zufällig, als Marons Mutter ihren Sohn vier Jahre vor ihrem Tod bat, sie zu einer Augen-OP zu begleiten. Nach der Operation saß die Mutter mit einer Augenbinde am Tisch. Für den Fotografen "eine Metapher ihrer Verletzlichkeit". Die Krankenhausaufenthalte häuften sich, Maron schlief oft im Haus seiner Mutter, weitere Porträts und Objektbilder entstanden. Sie war gerührt von diesen Fotos und gestattete bis zu ihrem Tod weitere Aufnahmen. Danach fotografierte Maron weitere drei Jahre im leeren Haus: Regale, Tapeten, den Keller, den Boden, Kerzenhalter, Kaffeewärmer, Heizkissen, Perlen, Einweckgläser. "Mir gelangen in meiner Traurigkeit Bilder", so Maron, "die nun zu mir über meine Mutter sprachen."

So entstand ein berührendes Inventar der Dinge, das Porträt der toten Mutter, liebevoll, intim und auch komisch zuweilen. Das Leben als Wunderkammer, in der die Objekte einer vergangenen Zeit auch von Vergänglichkeit künden. "Memento mori" - "Bedenke, dass du sterblich bist!"

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