Das Igitt-Gefühl

Im Dschungelcamp müssen die Kanditaten auch Insekten essen. Archiv
Im Dschungelcamp müssen die Kanditaten auch Insekten essen. Archiv

svz.de von
16. Januar 2013, 08:26 Uhr

Würchwitz | Der Milbenkäse gilt als großartige Delikatesse. Kenner vergleichen seinen Geschmack mit einem besonders würzigen Harzer. Bernsteinfarben liegt der Leckerbissen auf dem Tisch. Im Inneren beißen sich Hunderte Milben durch die Feinkost und lassen mit ihren Ausscheidungen die Spezialität reifen. Manche Gourmets genießen den Moment, wenn der lebendige Käse auf der Zunge liegt. Für andere ist der Name des Dorfes südlich von Leipzig, das die Käsetradition bewahrt, Programm: Der Milbenkäse stammt aus Würchwitz.

Die meisten Menschen haben für den Milbenkäse wohl nur ein Wort übrig: eklig. "Was uns ekelt, hält uns am Leben", sagt Rachel Herz, Psychologin an der Brown University in Providence, nüchtern. Die Amerikanerin ist eine der wenigen Wissenschaftler weltweit, die sich mit dem Igitt-Gefühl in unserem Körper beschäftigen. Ekel sei eine Angst, die dazu diene, "Krankheiten und Siechtum zu entrinnen".

Allerdings, sagt die Expertin, hätten Frauen und Männer in Europa, Asien und Amerika völlig verschiedene Ansichten, was sie "Bäh" finden.

Vor allem die Küchen der verschiedenen Kontinente bieten unappetitliche Köstlichkeiten. Die Schweden lieben vergorenen Hering "Surströmming", dessen Dosen gerne mal wegen der Gase in den Konserven explodieren. Amerikaner und Kanadier verschlingen mit höchstem Vergnügen Stierhoden. In der ostchinesischen Provinz Dongyang kochen die Einheimischen Hühnereier gerne zuerst in Kinderurin und legen sie dann einen Tag in der Kochflüssigkeit ein. Dagegen sind Buschschwein-Sperma, Kakerlakenpüree und lebende Riesenlarven im "Dschungelcamp" schon fast anerkannt normale Speisen.

Nur eines eint die Welt: Diejenigen, die sich bei den vermeintlichen Gaumenfreuden angewidert wegdrehen, zeigen alle das gleiche Gesicht. Schon Charles Darwin erkannte und beschrieb das auf seinen Reisen: gerümpfte Nase, zusammengekniffene Augen, leicht geöffneter Mund. Was Darwin nicht wusste: Jeder, auch der große Forscher selbst, kam ganz ohne Ekel auf die Welt. Kinder haben nämlich kein Problem damit, in ihrer - pardon - Kacke herumzupulen. Was die Eltern natürlich hochgeradig eklig finden - und schimpfen. So lernen die Kleinen die Maßstäbe für Abscheu von Mama und Papa.

Was für das harte Leben auch wichtig ist. Denn Ekel "aktiviert ein automatisches Rettungsprinzip", sagt der Berliner Forscher Winfried Menninghaus. Verzieht beim Familienessen auch nur einer angewidert das Gesicht, können alle nur hoffen, im Kühlschrank steht noch etwas, was wirklich unverdorben ist und lecker schmeckt.

Ekel ist eine häufige Emotion - und Zeichen einer moralischen Bewertung. "Was Leute eklig finden", sagt Rachel Herz, "halten sie meistens auch für unmoralisch". Deshalb traf sich die Ekelforscherbranche zu ihrer diesjährigen Tagung in Bielefeld auch unter dem Motto, "Evolution von Ekel - Oral zu Moral" und stellten fest, dass unmoralisches Verhalten die gleichen Gehirnareale aktiviert wie Ekel. "Es ist gut, dass wir uns vor Dieben oder Vergewaltigern ekeln", sagt die Londoner Wissenschaftlerin Valerie Curtis.

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