ESC 2016 : „Dann doch lieber Helene Fischer…“

 Karikatur: calleri
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Karikatur: calleri

Dieser Weg wird kein leichter sein: ARD schickt ohne Abstimmung Xavier Naidoo ins ESC-Rennen – ein Aufschrei geht durchs Land.

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19. November 2015, 21:00 Uhr

Der Triumph von Lena scheint schon eine Ewigkeit zurückzuliegen. In diesem Jahr steht der Eurovision Song Contest für Deutschland bisher unter keinem guten Stern. Erst sagt der unberechenbare Vorentscheid-Gewinner Andreas Kümmert vor 3,2 Millionen Zuschauern einfach mal eben: „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen.“ Es rückt Ann Sophie nach – und landet auf dem letzten Platz. Zero Points for Germany. Und jetzt das: Die ESC-Macher haben einen Aufschrei aus der Grand-Prix-Gemeinde am Hals.

Dabei setzen sie doch nur auf einen der erfolgreichsten Stars. Oder? Xavier Naidoo ins Rennen zu schicken, das ist ein Wagnis. Ihn hat die ARD für 2016 in Stockholm auserkoren. Das hat sie für das Publikum mitentschieden. Der gewohnte Vorentscheid verschwindet . Es scheint, als sehe der für den ESC zuständige NDR in dem Schmuse-Star, der sich einen „Echo“ nach dem anderen ersungen hat, eine Art sichere Bank. Ob der Sender den Shitstorm unterschätzt, eingepreist oder gar still erhofft hat, darüber kann nur spekuliert werden. Man habe „einen der besten Sänger Deutschlands nominiert“, stellt Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber heraus.

Xavier Naidoo. Außer Schauspieler Til Schweiger gibt es kaum jemanden, der die Republik so tief spaltet. Millionen Menschen lieben ihn, Millionen Menschen können ihn nicht ausstehen. Xavier Naidoo, das steht für esoterisch angehauchte Texte wie: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer/ Nicht mit vielen wirst du dir einig sein, doch dieses Leben bietet so viel mehr.“

Xavier Naidoo, das steht aber auch für diesen Text: „Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“ Der zweite Song wird im Gegensatz zum ersten nicht oft im Radio gespielt, gehört aber zu Naidoos Vergangenheit, der er sich wohl mehr denn je stellen muss.

„Ich stehe für Liebe, Freiheit und Toleranz“, bekundet Naidoo tief gerührt im ARD-Interview. Er stehe für die bunte Republik, sehe sich als Verkörperung einer neuen Zeit, in einem weltoffeneren Deutschland, als dunkelhäutiger Deutscher. Alles Schwachsinn, sagen Naidoos Kritiker.

Es hagelt Kritik aus ganz Deutschland, auch aus dem Bundestag. „Es ist nur noch peinlich“, schimpft Johannes Kahrs (SPD) auf Twitter. „Ich halte Xavier Naidoo für politisch nicht vertretbar“, sagte er unserer Redaktion. „Naidoo beim #esc ist ja fast wie ein Integrationsbambi für @bushido“, ätzt Volker Beck (Grünen). Trotz großer Beliebtheit bei den Fans war Xavier Naidoo in der Vergangenheit immer wieder durch extreme Äußerungen aufgefallen. 2011 sagte er: „Wir sind immer noch ein besetztes Land, Deutschland hat keinen Friedensvertrag und dementsprechend ist Deutschland auch kein echtes Land und nicht frei.“ Und dann vor einem Jahr auch das noch: Am Tag der Einheit hält Naidoo am Reichstag eine Rede vor der rechtsextremen „Reichsbürger“-Bewegung. Die Gruppe, der auch der Rechtsextreme Horst Mahler angehört, propagiert, dass das Deutsche Reich nach wie vor besteht und Deutschland von Feinden besetzt ist. Auf der Bühne sagt Naidoo: „Es kann nicht sein, dass Deutschland Drohnen von den Amerikanern in Ramstein erlaubt und Milliarden dafür ausgibt, um Menschen zu töten. Es ist ein Traum, bei euch zu sein.“ Später verteidigte er sich: Er wolle zu allen Menschen sprechen, egal ob ihre Meinungen nicht massentauglich sind. Er selbst sei auch ein Systemkritiker.

Die Vorwürfe, er sei schwulenfeindlich und politisch in schlechter Gesellschaft, sind nicht neu. Aber für einen Botschafter des deutschen Liedes im Ausland dürften die Maßstäbe höher liegen. Viele Schwule lieben den ESC. „Dass Xavier Naidoo polarisiert, wussten wir“, sagte Schreiber über den Star, der einst mit den Söhnen Mannheims bekannt wurde und bei „The Voice of Germany“ und „Sing meinen Song“ Millionen vor die Bildschirme zog. „Die Frage ist, ob alle Hassäußerungen, die es in den sozialen Netzwerken gibt, eine sachliche Grundlage haben. Zu den einzelnen Vorwürfen: Xavier Naidoo steht für Toleranz allen Lebensentwürfen gegenüber, die es in dieser Republik gibt.“ Und auf der ARD-Homepage führte er noch an: „Wer ihn im Konzert erlebt, weiß, dass die Sonne aufgeht, wenn Xavier singt.“

Der Mannheimer mit indischen und afrikanischen Wurzeln weiß, was viele von ihm halten. „Mein Image war eh schon immer etwas verdreht. Man bezeichnete mich als homophob, als esoterischen Spinner und als religiösen Fanatiker. All das bin ich genauso wenig wie rechtspopulistisch.“

Ob er in Stockholm nun gewinnt oder nicht: Eine Auszeichnung kann ihm keiner nehmen. Eine Intiative verlieh ihm jüngst den Preis „Der goldene Aluhut“ für eine der irrsten Verschwörungstheorien. Und der Spott im Internet geht im Minutentakt weiter. Nutzerin Phine etwa schreibt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber Helene Fischer wäre das weitaus kleinere Übel gewesen.“



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