Staatstheater Schwerin : Da sind wir aber immer noch

Der wilde Osten rockt im Schatten der Mauer
Der wilde Osten rockt im Schatten der Mauer

Der Film „Sonnenallee“ erlebte am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin eine Auferstehung als Musical

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17. Februar 2014, 11:45 Uhr

Wenn gleich zu Beginn das gesamte Ensemble wie Zombies zum Lied des Oktoberklubs „Da sind wir aber immer noch“ schemenhaft im Bühnenhintergrund aufmarschiert, wird klar, dass diese Inszenierung sich nicht damit begnügen will, nur eine fröhliche Ostalgieparty zu feiern.

So unbekümmert harmlos wie der Film „Sonnenallee“ aus dem Jahr 1999, der diesem Musical zugrundeliegt, wollte Regisseur Ralph Reichel nicht an das Leben im Schatten von Mauer, Verpflichtungserklärung für den dreijährigen „Dienst im Ehrenrock“ und entleerte FDJ-Rituale erinnern. Ansonsten freilich bleibt die Handlung dicht an dem Leander-Haußmann-Film.

Eine Clique von Freunden, an der Spitze der Erzähler Micha Ehrenreich (Christoph Bornmüller), lebt in Ostberlin am kürzeren Ende der Sonnenallee gleich an der Mauer. Sie schlagen sich mit ständigen Ausweiskontrollen des ABV herum, haben nichts als Rockmusik und Mädchen im Kopf und versuchen sich irgendwie mit der ungeliebten Existenz als FDJler abzufinden. Und der „Abschied von Sex und geilen Weibern“ dräut auch schon in naher Zukunft.

Musicalspezialist Reichel und John R. Carlson als Arrangeur und Musikalischer Leiter und nicht zuletzt als Chef der ausgezeichneten Liveband haben ihre „Sonnenallee“ mit einer Vielzahl bekannter Lieder aus der DDR und der internationalen Rockgeschichte gepflastert – vom „Kleinen Trompter“ über „Wish You Were Here“ bis „Moscow“ von Wonderland.

Besonders sinnfällig und hintergründig wird es immer dann, wenn Songs aus verschiedenen Sphären ineinander geschnitten werden. Wenn also „In The Army Now“ von Status Quo auf das Pionierlied „Soldaten sind vorbeimarschiert“ trifft. Oder „You Can’t Always Get What You Want“ von den Rolling Stones vom Kinderchor des Goethegymnasiums gesungen wird.


Zwischen „Hair“ und „Rocky Horror Show“


Wer diese Inszenierung im spartanischen Bühnenbild – Ost-Couch, Mufuti (Multifunktionstisch), links die graue Berliner Mauer, rechts eine graue Mauer mit Klettergerüst und großblumiger Tapete, im Hintergrund ein grauer, mit riesigen bunten Schallplatten verzierter Block (Bühne und Kostüme Claudia Charlotte Burchard) – irgendwo zwischen „Hair“ und „Rocky Horror Show“ ansiedeln will, liegt vielleicht nicht ganz so falsch.

Es wird – natürlich – viel und gut gesungen, viel und gut getanzt – mit hervorragend choreographierten Massenszenen (Rüdiger Daas) von bis zu 50 Spielern auf der Bühne und leider auch viel, viel zu viel gekalauert. Jeder noch so abgestandene Witz, besonders in den Comedy-Szenen der Familie Ehrenreich samt Westonkel, muss für einen wohlfeilen Lacher herhalten.

Von infantilen Kicherorgien und Slapstick-Einlagen nicht zu reden. Sagen wir es so: Zu viel Millowitsch und zu wenig Herbert Fritsch. Der Schauspieler Thorsten Merten, früheres Ensemblemitglied und gern gesehener Gast des Schweriner Theaters, entgeht der Gefahr, seinen liebenswerten ABV als bloße Karikatur zu zeichnen. Im Gegenteil. Wenn auch er die Knute des Systems zu spüren bekommt, scheint in ihm urplötzlich der Repräsentant einer rigiden Staatsmacht auf.

Jean Pauls bekanntes Diktum stimmt wohl, die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Das verdeutlicht auch diese Inszenierung einmal mehr. Vergangenheit – heute sagt man gern „gelebtes Leben“ – war weder nur gut noch nur schlecht. Es war zum Heulen und zum Lachen. Natürlich. Aber es war unser Leben. So oder so.

Die Inszenierung, im Ganzen betrachtet, verdeutlicht erneut die Stärke des Schauspielensembles, auch in dem tänzerisch und stimmlich anspruchsvollen Genre des Musicals zu begeistern. Dass man allerdings Unarten der großen Musicalhäuser übernehmen muss und das Ensemble am Ende selbst klatschend an der Bühnenrampe steht, ist wirklich nicht einzusehen.

Das Premierenpublikum am Freitag war von dieser „Sonnenallee“ begeistert, spendete immer wieder Szenenapplaus und dankte dem Ensemble mit Standing Ovations.

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