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24. Landeskunstschau : Caspar David Friedrich reloaded

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die 24. Landeskunstschau vereint auf Deutschlands schönster Insel 112 Künstler aus Mecklenburg-Vorpommern unter dem Titel „INS BLAUE – Romantik in der aktuellen Kunst“

svz.de von
erstellt am 01.Aug.2014 | 09:44 Uhr

Im Park von Putbus steht ein Baum. Was in einem so riesigen Park nicht weiter verwundern sollte. Aber mit diesem Baum stimmt etwas nicht. Er ist rot und knorrig und ohne Blätter. Ein Gespensterbaum. Wie schnell klar wird, ein Plexiglasbaum, der sich bei näherem Betrachten in Pixel auflöst. Aber damit ist sein Geheimnis noch immer nicht gänzlich enthüllt. Der Eindruck, genau diese Baumruine, mehr Stamm als Baum, schon einmal gesehen zu haben, verflüchtigt sich auch beim Weitergehen nicht. Also drehen wir uns noch einmal um. Und dann…

Na klar, das ist eine der Eichen, wie sie Caspar David Friedrich oft gemalt hat. Später zu Hause finden wir ihn dann in einem Katalog, den „Eichbaum im Schnee“, 1829 entstanden.

Der rote Baum, eine Arbeit des Wismarer Künstlers Klaus-Dieter Steinberg, veranschaulicht sehr schön den Titel der 24. Landeskunstschau des Künstlerbundes Mecklenburg-Vorpommern, die gestern in Putbus eröffnet wurde: „INS BLAUE – Romantik in der aktuellen Kunst“. Natürlich ein mehrdeutiger Titel, der auf die blaue Blume der Romantik ebenso anspielt wie er Künstler dazu auffordert, im Blauen, also draußen, zu arbeiten und dabei ins Grenzenlose, ins Blaue zu spinnen. Und Besucher verführen will, auch dorthin zu reisen. Zu den Orten auf der Insel Rügen, an denen 112 Künstler des Landes gearbeitet haben.

Durchaus nicht immer im Blauen, verrät Projektleiterin Susanne Burmester. „Bei der Ausschreibung hatten wir viel mehr in Richtung Land Art gedacht, dass Künstler sich mit dem Thema Romantik vor allem in der Natur auseinandersetzen. Aber unter den 112 Bewerbern waren dann 74 Maler, Grafiker und Fotografen. Ich musste also schnell genug weiße Wände für Bilder finden, die im Atelier entstanden sind.“ Keine leichte, aber für Susanne Burmester nicht unlösbare Aufgabe, denn als Galeristin in Putbus und Vorsitzende des Kunstvereins Rügen kennt sie Hinz und Kunz zwischen Gudderitz und Vilmnitz. So sind nun bis zum 7. September überall auf der Insel an 16 Standorten in sechs Regionen vorwiegend neue Werke zu sehen. „Viele Leute werden viel Kunst sehen“, freut sich die Projektleiterin. „Und für jeden ist etwas dabei. Die Bandbreite reicht von klassisch figürlich bis zu abstrakter und konzeptueller Kunst.“

Gleich in zwei der zentralen Orte der Kunstschau, in Villen am berühmten weißen Putbuser Circus, sind Beispiele für all diese Genres zu sehen.

Der Güstrower Lars Lehmann, bekannt für seine altmeisterlich gemalten, verrätselten Stillleben aus übereinander gestapelten Alltagsgegenständen, spielt in „Rotkäppchens Flucht“ ebenso wie Nils Dicaz mit Märchenmotiven, einem bevorzugten Thema der Romantik. Dicaz zeichnet zu Runges blutiger Geschichte „Von dem Machandelboom“. Auch Thomas Ziegler interessiert in seinen Gemälden „Der Bote“ und „Der Wächter“ die dunkle Seite der Romantik. Fast schwindlig wird einem beim Betrachten von Christin Wilckens Dämmerungsbildern, denen sie mit Graphit und Kohle eine unheimliche Tiefe gegeben hat.

Bäume, auch sie von den Malern und Dichtern um Friedrich und Brentano immer beschworen, gehören seit langem zu den bevorzugten Motiven von Britta Matthies. Neben Kohlezeichnungen künden ihre Fotografien von Kreuzen an Straßenbäumen ein ums andere mal das Memento mori.

Ihren großformatigen Unterwasserlandschaften stellt Andrea Hildebrandt eine kleine Installation zur Seite, in der sich ein Block aus Rügener Kreide langsam in Wasser auflöst – Malerei trifft Konzept, Moderne idell auf Rügener Romantik.

Die Installation „Ins Blaue – Oh, Du lieber Augustin“ von Ulla Holtschneider, mit eigenen Zeichnungen und Grafiken aufwändig beklebte Gazevorhänge, lädt den Betrachter zu wunderbar vieldeutigem Fantasiespiel ein. Auch in Anja Brachmanns großformatigen Gemälden „Ins Grüne“ und „Küste“ verliert man sich gern. Während Annelise Schoefbeck und Hans-Dieter Bartel mit ihren Porträts der Kreidefelsen ganz dicht am Motivkosmos der alten Romantiker sind.

Ein Ort, wie ihn auch die Gärtner der blauen Blume geliebt hätten oder vielleicht auch haben, ist Wreechen, das Dörfchen bei Lauterbach. Hier arbeitet der Metallkünstler Bernard Misgajski und ist in seiner Kunstmühle, einer ehemaligen Wassermühle, zugleich Gastgeber für Kollegen aus dem Romantik-Projekt. Er selbst zeigt unter dem Titel „Bleu d’Essaouira“ drei Objektkästen mit blauen Materialien – Leder, Keramik, Stoffen, Flaschenkorken –, die er allesamt in der zauberhaften marokkanischen Stadt Essaouira gefunden hat. In einer Installation aus Stahlschalen fallen zwei Schalen sofort ins Auge – sie sind mit Indigo gefüllt, erworben auf dem Basar von Essaouira.

Auf der sommerheißen Wiese gleich neben der Mühle ist die Künstlerin Takwe Kaenders gerade dabei, ein 2,50 breites Schiff aus Stahlblech einzubetonieren. „Zu dieser Plastik wurde ich von den Schiffsschaukeln auf den Jahrmärkten meiner Kindheit inspiriert“, so Takwe Kaender. „Eigentlich sollte das Objekt am Kap Arkona stehen. Dafür gab es aber keine Genehmigung.“ Nun fährt das Stahlschiff in drei Meter Höhe, wenn man die Fantasie aufbringen kann, über die Wiese in den weiter hinten blau schimmernden Wreechener See hinaus.

Im Naturerbe Zentrum Prora mit dem Baumwipfelpfad zeigt Andre van Uehm Fotografien der 1000-jährigen Ivenacker Eichen. Zugleich verkauft er Eichensetzlinge. Genau 1001. So kann jedermann Teil der 24. Landeskunstschau werden und ganz nebenbei mit einer Eiche fast ein Stück Unsterblichkeit erwerben. Wie es Caspar David mit seinem „Eichbaum im Schnee“ gelungen ist. Romantisch gedacht.


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