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Dreigroschenoper : Broadway am Alten Garten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Premiere der „Dreigroschenoper“ am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin

von
erstellt am 05.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Wenn die Dramaturgie eines Theaters auf Nummer sicher gehen will, nimmt sie die „Dreigroschenoper“ in den Spielplan. In Schwerin war die Premiere von Brechts halbseidenem Lehr- und Ludenstück am Freitagabend bereits die dritte Inszenierung seit 1987.

Das Publikum liebt diese sentimentale Räuberpistole mit einem Schuss hintergründiger Anarchie seit ihrer Premiere 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm. Nicht zu vergessen Kurt Weills Hitcocktail aus Rummelmusik, Jazz und Operette von der Mackie Messer-Moritat bis zum Lied der Seeräuber-Jenny.

Doch Vorsicht! Wie vieles, das scheinbar leichtfüßig daherkommt, verlangt „Die Dreigroschenoper“ den singenden Schauspielern alles ab, soll es nicht peinlich werden. Wurde es nicht. Das Schweriner Schauspielensemble ist auf einem hohen sängerischen Niveau, wozu die inzwischen offensichtlich unvermeidlichen Mikroports ihren Teil beitragen.

Was machte nun Regisseur Peter Dehler aus diesem unverwüstlichen Stück Theater? Er nahm es ernst. Indem er es weder zu einem zeitgenössischen machte noch als Spielwiese eitlen Regietheaterwahns missbrauchte, sondern es dort ließ, wo es herkommt. In der Entstehungszeit, den ausklingenden Goldenen Zwanzigern, und dicht bei Brecht.

Wozu auch die berühmte, halbhohe und seitlich aufziehbare Gardine als Vorhang gehört, mit der BB die Zuschauer aus ihrer einfühlenden Komfortzone reißen wollte. Oder die über der Bühne aufleuchtenden Übertitelungen, die Szenen und Lieder ankündigen. Nicht zuletzt die Kostüme: 20er-Jahre, Tingeltangel, Halbwelt und das alte London zugleich zitierend.

Schon die erste Szene beschreibt sehr schön den Geist dieser Inszenierung, wenn nach und nach alle Spieler auf die Bühne kommen und dann gemeinsam den berühmten Mackie Messer-Song singen. Das Finale als Entrée.

Macheath selbst (Dirk Audehm), im Schottenrock und mit Zylinder, ein sehr körperlicher, smarter Schurke, dem man nicht böse sein kann, ist Figur gewordene Seele dieser komödiantischen, augenzwinkernden „Dreigroschenoper“. Die zuweilen dicht an der Grenze zum Kitsch tänzelt, sie manchmal überschreitet, wenn die Truppe hinter dem Vorhang als Schattentheater eine Art Sirtaki tanzt, sie im Schlussbild aber unbekümmert mit einem riesigen Pegasus vor blutrotem Hintergrund effektvoll gänzlich ignoriert.

Dennoch geht bei allem Scherz die tiefere Bedeutung nie verloren, die Brecht im Sinn hatte, als er die Unzulänglichkeit menschlichen Strebens besingen ließ oder fragte, wovon der Mensch denn lebe. Und die Frage, ob heuzutage die Rettung einer Bank nicht ein ebenso großes Verbrechen wie der Einbruch in eine Bank sein könnte, hätte dem alten Zigarrenraucher sicherlich gut gefallen.

Jochen Fahr als gerissener, sich seiner Macht immer bewusster Bettlerkönig Peachum, Katrin Heller, die ihre Frau Peachum mit großer Gesangsstimme und oft von zu vielen Gläschen inspirierte Figur zeichnet, sowie Charlotte Kintzel (Polly), Josefin Ristau (Lucy) und Anja Werner (Spelunken-Jenny) als Mackies Geliebte in verschiedenen Aggregatzuständen treiben die Bettleroper ebenso wie die bügelnden Huren oder die verpeilten Banditen den Broadway rauf und runter. Chapeau!

Wozu nicht zuletzt das „Dreigroschenorchester“ unter der Leitung von Martin Schelhaas mitreißend jazzend beiträgt. Auch wenn es im Orchestergraben sitzt und ungerechterweise im Dunkeln. Von dem alle Spieler, mitten im jubelnden, langanhaltenden Schlussapplaus, noch einmal singen. Während oben über der Bühne der alte Brecht lästert: „Glotzt nicht so romantisch.“

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