Brillant-"Feuerwerk" gezündet

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06. Februar 2010, 09:15 Uhr

Schwerin | Mit einer musikalischen statt einer plattdeutschen Komödie begeisterte am Donnerstag im Großen Haus des Staatstheaters die Fritz-Reuter-Bühne ihr treuestes Stammpublikum. Die Besucher aus Schwerin und aus dem weiteren Umkreis der Landeshauptstadt, die zu jeder Premiere ihrer "Plattdütschen" kommen und sich auch von glatten Straßen nicht abhalten lassen, nahmen den Reuters ihren Ausflug in theatralisch fremdartige Gefilde keineswegs übel. Schließlich ging die einzige niederdeutsche Berufsbühne östlich der Elbe nach einer erfolgreichen "Großen Freiheit" mit Paul Burkhards "Feuerwerk" (Text von Erik Charell und Jürg Amstein) nun schon zum zweiten Male solcherart "fremd" - und das offensichtlich zum großen Vergnügen der Zuschauer.

Kein Musical, eine musikalische Komödie mit Schauspielern, einer Band und Musical-Gästen hat Regisseur Klaus Seiffert hier inszeniert, ein Stück, das Elemente von Kabarett, Boulevard und auch Volkstheater in sich vereinigt, was, zusammengehalten von einer spritzigen Musik (an Piano und Pult Thomas Möckel), eine höchst unterhaltsame Melange ergibt. So musste auch niemand auf die vom niederdeutschen Schwank gewohnten und mitunter deftigen Pointen und Gags verzichten; ein bisschen Zeitkritik gibts mit dem Florett; die berühmten Lachmuskel bekamen ausreichend zu tun.

Parliert wurde allerdings nicht nur up platt, sondern auch sächsisch, berlinerisch und im über den s-pitzen S-tein s-tolpernden hanseatischen Idiom. Ansonsten war alles hochdeutsch mit norddeutschem Akzent mit gelegentlichen Ausrutschern ins Niederdeutsche, wie sie dem Onkel Heinrich (Andreas Auer) gelegentlich unterlaufen. Das ist so, weil das "Feuerwerk" bei einer Tournee im November in zahlreichen süddeutschen Städten sowie in Österreich und der Schweiz abgebrannt werden und dabei verständlich bleiben soll.

Lieber ein Clown im Zirkus als ein Hanswurst daheim

Die Geschichte des Desasters der Geburtstagsfeier der Familie Oberholzer (Gerlind Rosenbusch und Detlef Heydorn), bewirkt durch die Rückkehr des schwarzen Schafes der Familie (als Alexander Obolski Hardy Rudolz) ist schnell erzählt. Odolski ist inzwischen Zirkusdirektor und hat seine attraktive Frau Iduna (Marion Musial) mitgebracht. Dieweil die anwesenden älteren Herren sehr zum Missvergnügen ihrer besseren Hälften die schöne Iduna umbalzen, entfacht Odolksi in der naiven Oberholzer-Tochter Anna (hier sprang Tina Landgraf für die erkrankte Arja Sharma ein) eine schwärmerische Neigung zum Zirkus, zu dem sie nun unbedingt durchbrennen will. Dies ruft nun wieder den entschiedenen Widerspruch von Annas Verehrer Robert hervor. Es irrt und wirrt - aber schließlich geht alles mit viel Gesang gut aus. Statt Anna entfleucht Onkel Gustav (Reinhard Krökel) dem Ehejoch seiner Paula (Bärbel Röhl) in Richtung Manege mit den Worten: "Lieber ein Clown im Zirkus als ein Hanswurst daheim". Soweit das Was.

Wichtiger als dieses ist hier allerdings das Wie. Im ansehnlichen und praktikablen Bühnenbild von Barbara Krott agierte ein Ensemble, dem man anmerkte, dass ihm die ganze Sache einen diebischen Spaß macht. Da wurde gespielt, getanzt und vor allem gesungen - und das in beachtlicher Qualität. Allerdings müsste man schon taub sein, wenn man dabei den Anteil der Musical-erfahrenen Protagonisten Marion Musial und Hardy Rudolz am Erfolg des Abends unterschätzte.

Doch nicht nur der Filou und Herzensbrecher Odolski und die Ohrwürmer des Burkhardschen Opus wie das berühmte "O mein Papa" oder das Lied vom "kleinen süßen Pony", das im Morgensternschen Sinne "um des Reimes Willen" Johnny heißt, gesungen von Marion Musial, erhielten reichlich Szenenapplaus.

Den spendete ein gut unterhaltenes Publikum auch freigiebig dem gesamten Ensemble, das ein beträchtliches gesangliches Potential offenbarte. Hier hat Thomas Möckel als Musikalischer Leiter mit einem doch recht heterogenen Personal ganze Arbeit geleistet.

Stimmlich und darstellerisch gut in Form präsentierte sich Ulrike Hanitzsch als sowohl berlinernde als auch genervte Köchin Kati - solistisch und auch im immer wieder "an der schönsten Stelle" abgebrochenen Duett mit Tina Landgraf.

Übers Sächseln amüsiert sich der Mecklenburger ja immer

Knut Fiete Degner als Onkel Fritz und Elfie Schrodt als seine in hoffnungslosem Kampf mit den Fremdwörtern liegende Gattin Bertha konnten ihrem plattdeutschen Affen Zucker geben und hatten - natürlich - die Lacher auf ihrer Seite, ebenso die sächselnde Tante Lisa von Susanne Peters. Übers Sächseln amüsiert sich der Mecklenburger ja immer.

Fazit: Die Reuters haben ein Brillant-"Feuerwerk" von zweieinhalb Stunden ungetrübter Unterhaltung gezündet. Das Publikum dankte dafür mit lang anhaltenden Standing Ovations, zahlreichen Vorhängen und erklatschte sich sogar ein da capo. Und hinterher hörte man, dass so mancher Hinausgehende "O mein Papa" vor sich hin summte.

Schade, dass die Schweriner dieses Vergnügen erst wieder am 25. März haben werden. Wer nicht so lange warten will, der kann ja morgen nach Oldenburg in Holstein, am 20. Februar nach Güstrow, am 28. nach Neustrelitz und am 12. März nach Putbus fahren.

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